Don Camillo & Peppone (Freilichtspiele Tecklenburg)

 

Es gibt wohl kaum jemanden, der die Geschichte um den italienischen Pfarrer Don Camillo und seinen kommunistischen Gegenspieler Peppone nicht kennt. Nur „36 Häuser“ umfasst das kleine Dorf Boscaccio, in dem die beiden aufeinandertreffen und versuchen, die Dorfgemeinschaft jeweils auf ihre Seite zu ziehen. Während die reichen Gutsbesitzer Camillo folgen, schließen sich die Arbeiter Peppone an. Im ständigen Streit um die Vorherrschaft im Ort geht es oft heiß her zwischen den beiden Streithähnen. Im Zwiegespräch mit Jesus versucht Camillo des Öfteren, seine Meinung und vor allem Taten zu rechtfertigen und zeigt mehr als einmal, dass er ein Schlitzohr ist. Peppone hingegen hat Gehör bei den Dorfbewohnern und deren Unterstützung ist ihm sicher. Mit Worten und Fäusten treffen die beiden Oberhäupter mehr als einmal aufeinander und sind sich am Ende ähnlicher, als sie sich selbst eingestehen wollen. Zum Nebenschauplatz wird hier eine verbotene Liebe zwischen Gina, der Tochter des Grundbesitzers Filotti, und Mariolino, Sohn eines Landarbeiters. Sie finden erst Gehör, als es bereits zu spät ist und sie gemeinschaftlich fliehen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen und wenigstens im Tod miteinander glücklich sein zu dürfen. Alarmiert arbeiten nun alle Hand in Hand, um in letzter Sekunde das Unheil abzuwenden.

(c) Holger Bulk

Das Musical von Michael Kunze mit Musik von Dario Farina wurde 2016 im Theater St. Gallen uraufgeführt, nahm dann einen kleinen Umweg über Wien (2017), um nun seine deutsche Erstaufführung auf der Freilichtbühne Tecklenburg zu feiern. Andreas Gergen inszeniert das actionreiche Spektakel mit viel Raffinesse und gleichsam nicht überzogener, als es für das Stück angemessen ist. Mit seinem Bühnenbild untermalt Jens Janke das Geschehen einfallsreich und spannt gelungen den Bogen zwischen dem Boscaccio des Jahres 1947 und der heutigen Zeit. Dieser Spagat gelingt tadellos. Bereits vor Beginn des Stückes werden die Zuschauer  auf das Bühnengeschehen eingestimmt und werfen immer wieder neugierige Blicke nach vorn, um einigen Bauherren und Statikern bei der Arbeit zuzusehen. Schließlich wird im Hier und Jetzt eine Autobahn gebaut, ein Fortschritt, der nicht jedem gefällt. Barbara Tartaglia als alte Gina fährt mit ihrem Begleiter unter großem Gelächter aller Anwesenden vor und beginnt, sich an ihre Jugendzeit in diesem Dorf zurückzuerinnern. Begleitet wird sie dabei von Florian Albers, der ihr Halt gibt, sie auf rührende Weise umsorgt und im späteren Verlauf auch Jesus in Person verkörpern wird. Diese Rolle gelingt ihm absolut authentisch und unaufdringlich, seine stetige Präsenz ist eine überaus gelungene Neuerung gegenüber St. Gallen und Wien, wo lediglich mit der „Stimme Gottes“ kommuniziert wurde.

(c) Holger Bulk

Als Dorfpfarrer Don Camillo brilliert Thomas Borchert. Ihm steht die Robe des Gottesfürchtigen gut zu Gesicht. Mit Ironie, Wortgewandtheit und viel Humor scheint ihm diese Rolle beinahe auf den Leib geschrieben. Ob stur und aufbrausend gegenüber dem neuen Bürgermeister, liebevoll streng gegenüber seiner Gemeinde, unterwürfig den Argumenten und Anweisungen seines Arbeitgebers folgend, oder mit spitzer Zunge und feinstem Sarkasmus all jenen, die der Kirche den Rücken zuwenden, die Meinung sagend – Borchert regiert das Bühnengeschehen mit fester Hand und hat im Publikum dementsprechend viele Sympathisanten auf seiner Seite. Wäre da nicht Patrick Stanke als Peppone, Sohn eines Landarbeiters, der nicht einmal über einen Schulabschluss verfügt. Plump, mit im doppelten Wortsinn schlagkräftigen Argumenten und herrlich überzeugend füllt er diese Rolle aus. Trotz seiner bildungsfernen Herkunft gelingt ihm der Aufstieg zum Dorfoberhaupt und seine Defizite überspielt der neue Bürgermeister mit Ideenreichtum, ehe er die Initiative ergreift und eine Angriffsfläche – seine Lese- und Schreibschwäche – zu beseitigen beginnt. Den ständigen Machtkampf bringen Borchert und Stanke als Don Camillo und Peppone wunderbar witzig für das Publikum auf die große Bühne.

(c) Holger Bulk

Als junges Mädchen, Gina, weiß Milica Jovanovic von sich zu überzeugen. Sie steht zwischen ihrer sehr konservativen Familie und ihren eigenen Gefühlen für Mariolino, den Sohn eines Arbeiters, verkörpert von Dominik Hees. Die Geschichte beider wirkt wie ein Ausflug zu „Romeo und Julia“: verboten, leidenschaftlich, impulsiv und am Ende beinahe tragisch, würde nicht in jenem Moment das gesamte Dorf an einem Strang ziehen, um das Unglück abzuwenden. Nicht überein kommen Filotti, Ginas Vater, der von Kevin Tarte verkörpert wird, und Brusco, der Vater Mariolinos, den Jörg Neubauer spielt. In ihren nur sehr kleinen Rollen gehen beide Bühnen-Streithähne auf und tragen als Antagonisten zum Erfolg des Stückes maßgeblich bei. Bei allen Konflikten, Dramen und Problemen fehlt natürlich noch eine kleine, jedoch bedeutsame Nebenhandlung. Ginas Großvater Nonno (Sebastian Brandmeir) springt dem Tod von der Schippe und verliebt sich in die Kommunistin Laura Castelli (Femke Soetenga), die im Dorf als neue Lehrerin arbeitet. Am Anfang ihrer sehr ungleichen Beziehung  herrschen liebevolle Sticheleien vor, bis sich das Denken beider symbolisch stellvertretend für die Dorfgemeinschaft langsam zu ändern beginnt und eine überraschende Beziehung entsteht. Soetenga ist die einzige, die bereits seit St. Gallen ihrer Rolle treu bleibt und damit ein weiteres Mal ihre Seele an einen gutmütigen alten Herren verkauft. Jedes Auftreten Brandmeirs ist ein Garant für viel Gelächter im Publikum.

Getragen wird die Handlung von den Hauptcharakteren, die jedoch vom gewohnt großen Ensemble in Tecklenburg meisterlich unterstützt werden. Noch bis zum 25. August erfolgt dieser gelungene Angriff auf die Lachmuskeln. Diese Gelegenheit sollte sich niemand entgehen lassen.

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Fotos: (c) Holger Bulk

Premiere: 21.06.2019
Letzte Vorstellung: 25.08.2019

Kreativteam und weiterführende Links:

Buch: Michael Kunze
Musik: Dario Farina
Regie: Andreas Gergen
Kostüme: Karin Alberti
Choreographie: Till Nau
Bühnenbild: Jens Janke
Maske: Philip Hager/ Gülfidan Söylemez

Die Alte Gina – Erzählerin – Barbara Tartaglia
Don Camillo – Pfarrer – Thomas Borchert
Peppone – Bürgermeister – Patrick Stanke
Gina – ein junges Mädchen – Milica Jovanovic
Mariolino – ein junger Mann –  Dominik Hees
Filotti – Ginas Vater – Kevin Tarte
Nonno – Ginas Großvater – Sebastian Brandmeir
Brusco – Mariolinos Vater – Jörg Neubauer
Laura Castelli – Lehrerin – Femke Soetenga
Dottore – Dorfarzt – Jan Altenbockum
Ginas Begleiter/ Jesus – Florian Albers

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