Interview mit Viktoria Hillisch, Lukas Müller und David Paul

 

Ein kleiner Vorgeschmack auf das Interview, hört einfach mal rein! 🙂

 

 

 

„Komm aus dem richtigen Grund ins Theater!

Sei im Moment, lass die Geschichte auf dich wirken, lass dich in sie hineinfallen.“

 

Off-Theater sind Theater, die neben dem etablierten Theaterbetrieb unkonventionelle Konzepte verfolgen, ein kleines oder kein festes Ensemble haben und mit einem geringen Budget auskommen müssen. In Amerika und England sind deren kleine, aber meist feinen und hochprofessionellen Inszenierungen schon längst Gang und Gäbe – bei uns in Deutschland findet man solche Produktionen leider immer noch zu selten. Moving Stage Productions und Open House Theatre bringen 2019 mit „Straight“ ein Off-Theater-Juwel in Wien zur europäischen sowie in Hamburg zur deutschen Erstaufführung. Im Rahmen des nachfolgenden Berliner Gastspiels hatten wir die Gelegenheit uns mit den drei Protagonisten dieses besonderen Stückes, Viktoria Hillisch, Lukas Müller und David Paul zu unterhalten und ein wenig über ihren künstlerischen Werdegang sowie ihre Zukunftspläne, aber auch ihre Erfahrungen zum und mit dem Stück zu erfahren.

David Paul – Foto (c) Ine Gundersveen

Die drei jungen und überaus talentierten Darsteller zeigen in diesem reinen Schauspiel für drei Personen eine beachtliche Leistung. Uns interessiert die Frage, wie sie in ihr Bühnenleben gestartet sind, was die Auslöser waren und welche Wege sie bis ins Jetzt geführt haben. „Ich habe bereits von klein auf getanzt“, erzählt uns David, der in der Rolle des Chris auf der Bühne steht und als Tänzer zum Schauspiel gefunden hat. „Mein Schlüsselmoment war der Moment, als ich gemerkt habe, dass Geschichten und Theater Menschen verändern können. Ich habe den Nussknacker getanzt und wir hatten großen Erfolg damit. Viele kleine Jungs haben das zum Anreiz genommen, tanzen zu lernen. Es ist einfach schön zu sehen, dass sich Menschen in den Figuren auf der Bühne wiedererkennen und plötzlich zu sich stehen können, zeigen wollen, dass auch sie so etwas können – ich finde, das prägt. Später fand ich die Geschichten, die man mit Tanz erzählt, dann nicht mehr allzu spannend und wollte noch Gesang und Schauspiel dazulernen. Im Theater oder Schauspiel kann man einfach viel mehr Themen aufgreifen als mit reinem Ballett, wie man jetzt gerade auch mit „Straight“ sieht. Während meiner Matura wurde ich an der Filmakademie in New York angenommen und habe dort den Zweig Musical gewählt. Natürlich kommt man dort aber oft auch mit Film in Verbindung und ich bin dann einfach immer mehr in Richtung Schauspiel gerutscht. Im letzten Jahr durfte ich in zwei Leinwand-Produktionen mitwirken und fühle mich in diesem Bereich gerade sehr wohl. Tanzen bereitet mir aber immer noch viel Freude und ich nehme immer noch Unterricht – aufgehört habe ich damit nie.“ Für Viktoria, die Emily verkörpert, war der Weg ein wenig anders. „Ich habe eigentlich mit Musical begonnen, aber dann festgestellt, dass ich im Schauspiel besser aufgehoben bin“, erläutert sie, bevor sie zu erklären beginnt. „Es kommt auch darauf an, was einen gerade so interessiert. Für mich war es einfach klüger, mich zunächst auf eine Sparte zu konzentrieren, obwohl ich immer noch viel Musical, gerade für das junge Publikum, mache. Momentan fühle ich mich allerdings mit den Geschichten im Schauspiel wohler.“ Angefangen habe ihr Weg während ihrer Matura in der örtlichen Musikschule, wo sie in „Hair“ gespielt habe. „Diese Produktionen waren immer ziemlich professionell, wir spielten in einem großen Haus mit gut 1000 Sitzplätzen. Das hat einfach eine Menge Spaß gemacht, obwohl damals viel zusammen kam – ich stand ziemlich krank auf der Bühne, gleichzeitig hatten wir mündliche Matura und davor, bei den Proben, die schriftliche. Obwohl ich nur gelernt und gespielt habe in der Zeit, habe ich trotz des ganzen Stress’ gemerkt, dass mir das irrsinnig viel Spaß macht und ich das gerne machen möchte. Als zweite Option stand Grafikdesign im Raum, hat dann aber gegen den anderen Wunsch verloren.“ Für Lukas, der Ben spielt, begann der künstlerische Weg, wie er schmunzelnd ausführt, „…absolut dem Klischee entsprechend. Ich war mit meinen Eltern, da muss ich so neun oder zehn Jahre alt gewesen sein, in „Elisabeth“, und fand einfach nicht nur das Stück an sich, sondern das ganze Drumherum absolut faszinierend. Musicaldarsteller stand damals noch nicht wirklich zur Debatte, aber ich wollte unbedingt singen lernen, was mich schon früh mit dem Künstlerberuf in Verbindung gebracht hat. Eigentlich wollte ich dann Oper studieren und habe irgendwann angefangen alles was es dazu im Fernsehen oder in den sozialen Medien zu sehen gab, in mich aufzusaugen. So bin ich dann da reingekippt. Ich glaube mit der Pubertät kam dann ein Umschwung, moderne Sachen zogen mich mehr und ich habe mich dann schnell im Musicalbereich wohler gefühlt als in der Klassik. Für mich war das damals auch abwechslungsreicher, ich habe viele Musikstile kennengelernt und der schauspielerische Anteil im Musical war für mich, im Gegensatz zu dem in einer Oper, ein wenig interessanter. Ich bin also über den klassischen Gesang aufs Musical gekommen.“

Lukas Mueller, Foto © Ine Gundersveen

Von seiner Familie sei er in seinem Vorhaben immer unterstützt worden, sinniert Lukas weiter, was auch Viktoria für ihre Person bestätigen kann. „Ich bin halt auf dem Land aufgewachsen…“, gehen seine Gedanken zurück in die Vergangenheit, „…und Musicaldarsteller ist da nun nicht unbedingt der gängigste Beruf. Nicht dass ich jetzt irgendwie gemobbt worden wäre, aber ich habe mich schon häufiger nicht richtig ernstgenommen gefühlt und wurde vielleicht belächelt.“ Das habe sich erst gelegt, als er die Zusage für den Ausbildungsplatz erhalten habe. „Da waren dann plötzlich alle voller Lob und Erstaunen. Hürden musste ich nicht überwinden, habe aber auch nicht unbedingt von allen Seiten Zustimmung erfahren.“ Gezweifelt habe er jedoch nie. „Zweifel? Nein, nie… Ich bin generell so ein Mensch, wenn ich etwas will, dann mache ich das, egal ob neben mir Bomben und Granaten einschlagen – dann ist mir alles Drumherum relativ egal.“ Bei David sei durch seinen bereits in frühester Kindheit begonnenen Ballettunterricht eigentlich immer klar gewesen, dass er diesen Weg einmal einschlagen würde. „Ich habe eigentlich nur Unterstützung darin erfahren, auf der Bühne stehen zu wollen. Aber ich glaube, meine Eltern hätten lieber gesehen, ich wäre immer nur der ‘Nussknacker-Prinz’ geblieben und hätte zum Geld verdienen einen anderen Beruf gewählt. Sie haben mich aber dennoch in allem unterstützt – ich durfte herumreisen, Castings besuchen und eben alles machen, was so dazu gehört.“

Herumreisen liefert uns das nächste Stichwort, da wir gerne erfahren möchten, wie ortsgebunden unsere Gegenüber sind. „Heimat – in meiner eigentlichen Heimat, dort wo ich meine Wurzeln fühle, wohne ich ja schon lange nicht mehr“, erzählt uns Lukas gedankenverloren. „Ich bin nun schon sechs oder sieben Jahre in Wien zu Hause, was ich als meine Zweitheimat bezeichnen könnte. Hier hat das bisher ganz gut funktioniert, vielleicht weil es immer noch Österreich ist und ich damit eine Verbindung habe, es ist zumindest dasselbe Land. Jetzt eine Zeit lang in einer oder gar mehreren anderen Städten, oder einem anderen Land zu leben – ich weiß nicht wie das wäre.  Ich bräuchte auf jeden Fall zwischendurch immer wieder Zeiten bei meiner Familie.“ David hingegen habe seine Heimat schon früh nach New York verlegt. „Ich habe es geliebt in New York zu leben und vermisse es sehr.“ Der deutschsprachige Raum böte ihm allerdings eine einfachere Möglichkeit für bessere Jobs, weil einreisebedingte Schwierigkeiten wegfielen. „Ich nutze aber weiter jede Gelegenheit nach New York zu reisen, dort meine Freunde zu sehen, für mich wichtige Leute zu treffen und an Projekten zu arbeiten. Was wirkliche Heimat ist, weiß ich momentan gar nicht so genau. Ich genieße es gerade einfach 21 zu sein und in Wien meine eigene Wohnung zu haben. Aber ich denke schon, dass dies in einigen Jahren anders aussehen könnte und ich einen Ort finden möchte, der für mich zur Heimat wird.“ Woanders zu sein, könne sich Viktoria schon vorstellen. „…aber trotzdem bin ich sehr sesshaft. Ich lebe jetzt schon zehn Jahre in Wien und fühle mich hier wohl.“

Aufgedreht lachend und spontan meldet sich David auf unsere Frage nach ihren Zukunftsvisionen zu Wort: „Einen Grammy, einen Tony, einen Oscar“, während bei dieser Aussage auch allen anderen schnell die Ernsthaftigkeit abhanden kommt. „Eine Actionfigur wäre auch toll und einen Trinkbecher mit meinem Gesicht drauf, möchte ich auch so gerne haben. – Nein, Spaß beiseite. Ich möchte einfach weiter Geschichten erzählen und Menschen damit bewegen können. Irgendwann möchte ich auch einmal selbst produzieren, also Regie machen. Momentan versuche ich so viele verschiedene Informationen wie nur eben möglich zu inhalieren und bin gespannt, wohin mich meine Reise noch führt.“ „Geschichten erzählen, Gemüter bewegen…“, hängt sich Viktoria unmittelbar an Davids Gedanken, „… ja, das möchte ich auch. Menschen zum Lachen und zum Weinen bringen.“ Ziemlich realistisch und nüchtern hingegen sind die Zukunftswünsche von Lukas, wenn er auch nicht sicher ist, sich diese immer erfüllen zu können. „Im Moment wäre ich eigentlich nur froh, wenn ich von meinem Job leben könnte. Ich möchte hinter meiner Arbeit stehen können und nicht irgendein Engagement annehmen müssen, nur fürs Geld. Ob das immer möglich ist – keine Ahnung, wohl eher nicht – aber das würde ich mir wünschen.“

 

Viktoria Hillisch-Foto © Rüdiger Weghaupt

Spontan reagiert Viktoria mit „Arielle“ auf die Frage nach ihren Traumrollen. „Ich würde unglaublich gerne Judas spielen. Gegen Jesus hätte ich natürlich auch nichts einzuwenden, aber Judas finde ich irgendwie interessanter – ich mag Figuren mit tiefen Abgründen…“, fügt Lukas hinzu und wird von Vicky grinsend unterbrochen: „Also Ben – passt!“, bevor er gedankenverloren, aber schmunzelnd weiterredet. „Nein, aber ich finde dunklere, bösere Charaktere immer sehr spannend. Warum weiß ich gar nicht, weil ich eigentlich für alles offen bin, aber irgendwie reizen die mich schon sehr.“ „Für mich kommt es darauf an, wie eine Rolle geschrieben ist.“ teilt David anschließend auch seine Gedanken zum Thema. „Ich möchte wahre Menschen und nicht nur eine wage Idee auf die Bühne bringen. Jeder Bösewicht oder auch jeder Held hat immer zwei Gesichter, verschiedene Facetten. Keiner ist nur böse oder nur gut. Für mich muss die Figur einfach ehrlich geschrieben sein, wenn ich hineinschlüpfen soll.“ „Ich durfte einmal Charlotte spielen…“, lässt uns Viktoria teilhaben. „…eine historische Person, jemand, den es wirklich gegeben hat. Sie war die Schwägerin von Sissi und Ehegattin von Maximilian von Mexiko, dem jüngeren Bruder von Kaiser Franz Josef. Das ist viel intensiver wie eine fiktive Figur zu interpretieren. Man taucht nicht nur in die Rolle ein, sondern vor allem tief in die Psyche dieser Person. Wir haben an Originalschauplätzen in den passenden Kleidern gespielt – das war einfach mega interessant. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, diese Person verstehen, ihre Handlungen und Gefühle nachvollziehen zu können. Das ist unglaublich spannend und ich wünsche  jedem/r Darsteller/in, dies einmal machen zu dürfen.“

 

Während sich Lukas in einer Ausbildung zum Musicaldarsteller befindet und sich auf Bühnenbrettern immer im direkten Kontakt zum Publikum sieht, konnten Viktoria und David bereits Filmschauspielerfahrung sammeln. Uns drängt zu erfahren, ob es Unterschiede gibt und was den Beiden besser gefällt. Viktoria beginnt: „Man sagt: ‘Im Theater steckt das Herz und im Film das Geld!’ Für mich hat beides seinen Reiz, aber ich empfinde große Unterschiede. Die Energie konzentriert sich anders und man bekommt kein direktes Feedback. Erst wenn der Film ein paar Monate später rauskommt, weiß man, ob unser dortiges Spiel ankommt oder nicht. Der größte Unterschied ist für mich wohl, dass es niemals Theater ohne Darsteller gibt, aber sehr wohl Film ohne Darsteller. Das Schauspiel im Theater spannt einen ganz anderen Bogen, der Protagonist erzählt den ganzen Inhalt, und würde er sich überlegen, das Stück heute mal anders enden zu lassen – was man natürlich nicht macht – dann hätte er tatsächlich die Macht dies zu tun, also prinzipiell ist diese Möglichkeit gegeben. Im Film erzählen der Regisseur und vor allem der Cutter die Geschichte. Die können die gespielten Szenen so zusammenschneiden, dass es ganz anders aussieht, als das was wir vorher aufgenommen haben.“ „Ja, das hat Vor- und Nachteile“, nimmt David den Faden auf. „Im Theater fängst du bei Szene eins an und spielst durch bis zur letzten. Was raus kommt, kommt raus und du kannst es nicht mehr ändern. Im Film gibt es noch eine ganz andere Challenge. Dort werden die Szenen nicht chronologisch gedreht, sondern so wie es grad passt, ganz durcheinander. Da muss man dann immer voll auf dem Schirm haben, was denn in der Szene vorher geschieht, um in der korrekten Emotion zu bleiben, aber man kann alles wiederholen, wenn es nicht richtig passt.“ Als das was ihm besser gefällt, legt David den Film fest. Man könne viel mehr Themen ansprechen und müsse diese nicht auf das anwesende Publikum anpassen, da man einen Film zwar verkaufen, aber damit kein Theater an mehreren Abenden hintereinander voll bekommen müsse. „Den Film dreht man und schickt ihn in die Welt raus. Wie viele Leute ihn dann sehen, weiß man eh nicht. Hier kann man daher auch Themen aufgreifen, die vielleicht nicht so gerne angepackt werden und ist eher unabhängig – die Spezialisierung aufs Publikum fällt weg.“ Ihm fällt ein, das mal gesagt wurde, dass auch eine Kamera eine Art Bühne sei, nur intimer. Eine Theaterbühne sei ein großer Raum, den man versuche auszufüllen. „Wenn du aber eine Kamera hast und versuchst diese auszufüllen, dann weißt du wo die Energie hinreicht. Für mich ist Schauspielerei ein Energieaustausch, ein Austausch von Aktionen und mit dieser Energie strahlt man gewisse Wellen aus. Einen großen Unterschied sehe ich da nicht. Ich möchte im Endeffekt eine Geschichte erzählen und man variiert nur den Raum, in dem man sie sieht.“

Wie wir vom Regisseur und den Produzenten Robert G. Neumayr und Thomas Neuwerth bereits vorab in einem interessanten Gespräch erfahren konnten, mussten die Protagonisten von „Straight“ nicht nur 118 DIN A4 Seiten Text in den Kopf bekommen, sondern auch das zur Aufführung gebrachte Thema. „Straight“, einem Stück über Label-/Schubladendenken, den Umgang mit einer anderen sexuellen Orientierung und dem Zwiespalt seiner eigenen Gefühle, galt es Authentizität einzuhauchen und die Glaubhaftigkeit von realen Personen ins Publikum zu transportieren. Ein Verstecken hinter Masken ist in einer solchen Inszenierung nur schwer möglich. Aber was nehmen die jungen Darsteller aus ihren Rollen mit, wie sehr sind sie mit Emily, Ben und Chris zusammengewachsen und werden diese Charaktere sie noch weiter begleiten? Nach einer kurzen Gedankenpause, beginnt David schmunzelnd. „Ich bin wirklich sehr zu Chris geworden. Ich sage jetzt einfach viel öfter, was ich denke. Das ist sicher auch nicht immer gut. Ich drücke mich anders aus und habe weniger Scheu, auch mal gewisse Dinge in der Öffentlichkeit beim Namen zu nennen. In den Spielpausen habe ich Chris sogar teilweise schmerzlich vermisst. Ich freue mich riesig darauf, ihn jetzt wieder spielen zu dürfen und hätte nichts dagegen, wenn ein Teil von ihm für immer bei mir hängen bleibt.“ Viktoria pflichtet ihm bei. „Mir gibt meine Rolle ebenfalls sehr viel. Man muss aber auch einfach wissen, dass der Körper ein gewisses Gedächtnis hat und viel speichert. Deshalb versuche ich auch immer Stücke zu spielen, die mir gut tun. Gerne würde ich Emily einmal sagen, dass nicht jeder heiraten muss um glücklich zu werden. Es braucht nicht unbedingt Kinder und am besten noch einen vierbeinigen Freund, aber prinzipiell verstehe ich sie schon ganz gut. Ich verstehe, was sie denkt und in gewisser Hinsicht kann ich mich ein wenig mit ihr identifizieren – ich liebe Epigenetik“, schließt sie augenzwinkernd. „Ja das stimmt“, übernimmt Lukas, wenn er auch eher in tiefsinnigere Gedanken die Frage betreffend versunken scheint. „Auch ich nehme von Ben und der Produktion auf jeden Fall eine Menge mit. Das Stück lässt mich schon sehr viel reflektieren. Über viele Dinge habe ich mich belesen und mich lange damit beschäftigt, um sie richtig verstehen zu können. Dass lässt einen nachdenken, auch über sein eigenes Leben.“ Er sei gar nicht mal mit dieser Idee in das Stück gegangen, das habe sich einfach durch die Beschäftigung mit gewissen Themen, Lebensabschnitten und Einstellungen so ergeben.  „Schubladendenken und Homosexualität waren mir jetzt nicht neu, aber man erfährt Einzelheiten, bekommt Insiderwissen und ich konnte meinen Horizont ziemlich erweitern. Teile von Ben werden mich sicherlich auch weiterhin noch eine Weile begleiten, aber ich glaube eine längere Auszeit schadet momentan nicht. Er ist eine besondere Rolle – nicht unbedingt körperlich anstrengend, auch wenn ich quasi das gesamte Stück über auf der Bühne bin, aber es gibt schon einige Aspekte in seiner Figur, die für das Leben eines Schauspielers nicht unbedingt förderlich sind. Es ist diese Gefühlsachterbahn, sind diese anstrengenden Emotionen, die Ben durchmacht – das ist echt hart und verändert einen. Ich muss zurück in mein ‘geregeltes, normales Leben’, aber was heißt schon geregelt und normal? Ich muss jetzt einfach wieder ein bisschen ich selbst sein können. Ich habe keine Probleme damit, dieses Stück über eine längere Zeit zu spielen, aber nicht als En-suite Produktion. Als En-suite würde es mich glaube ich killen – ich würde komplett durchhängen. Ich brauche dabei einfach immer wieder Pausen zwischendurch.“ 

Off-Theater habe für David einen großen Stellenwert, beantwortet er unsere nächste Frage. Viele Shows habe er in seiner New Yorker Zeit am Off-Broadway gesehen. „Man muss nicht der breiten Masse gefallen, sondern kann mit Themen und Schwerpunkten durchaus herumexperimentieren. Die Geschichten stehen im Vordergrund und man entdeckt einfach viel Herz.“ „Ja!“, bestätigt uns auch Viktoria diese Aussage. „Es ist einfach sehr schön, nicht in dieses Mainstream Ding zu fallen. Man hat eine größere Intimität und das sofortige Feedback des Publikums. Dem Film fehlt das ganz, und in kleineren Theatern wird das noch einmal klarer, als in größeren.“ Die Stücke, die für Off-Theater ausgewählt werden, seien zudem auch thematisch interessanter, bestätigt auch Lukas die Aussagen seiner Vorredner. Es könnten Themen einbezogen werden, die vielleicht nicht unbedingt für ein breites Spektrum von Menschenmassen von Bedeutung sind. „Ich persönlich mag sehr gerne kleine drei, vier oder fünf Personenstücke, die es auch im Musicalbereich gibt und bei denen nicht jeder Handgriff in jeder Vorstellung, an jedem Tag und in jedem Land derselbe sein muss. Für mich sind diese kleinen Produktionen einfach spannender und damit letzten Endes erfüllender, als diese riesigen Sachen, wo es einem manchmal erscheint, als sei ein Autopilot eingeschaltet.“

 

Sofort drängt sich uns die Frage auf, ob man in kleineren Stücken die schwierigeren Voraussetzungen hat, mehr mit seinen Kollegen interagieren, auf sie achten und sich mehr konzentrieren muss, oder ob größere Produktionen den Darstellern mehr abverlangen. Auch verlangt es uns zu wissen, wo sich unsere Gesprächspartner wohler fühlen. Er habe noch nicht wirklich so viele große Sachen gemacht, gibt Lukas zu bedenken. „Ich glaube schwieriger ist das nicht, es ist einfach anders. Bei großen Produktionen gibt es Cover, wenn mal einer ausfällt – in kleineren, wie beispielsweise ‘Straight’ wird die Vorstellung dann halt abgesagt. Also lastet da mehr Verantwortung auf jedem Einzelnen. Generell hat wohl beides seinen besonderen Reiz, ich kann gar nicht sagen, was mir lieber ist.“ „Ich bin eher der Fan von klein und intim“, steigt David auf die Aussage seines Kollegen ein. Bei großen Produktionen läuft alles ähnlich einer Maschinerie, jeder hat seine Aufgabe zu erfüllenan kleinen Theatern macht jede einzelne Person viele verschiedene Dinge, oder sogar mal alles alleine.“ „Stimmt, ich habe schon Bühnen selber auf- und abgebaut“, unterstreicht auch Viktoria seine Worte. „Wie das an großen Theatern läuft, kann ich gar nicht beurteilen. Ich mache einfach viel, viel mehr Off-Theater. Da hat man halt ‘all inclusive’, da lernt man meist das Gesamtpaket kennen. Ich finde das Feedback bei kleineren Sachen direkter, aber es ist auch ein wunderbares Gefühl, wenn die riesige Masse applaudiert. Ich mag daher beides sehr gern.“

 

Feedback – ein gutes Stichwort, das uns unmittelbar zur nächsten und für den heutigen Tag letzten Frage kommen lässt. Was erhoffen sie für ihr Publikum und welche Art der Reflexion ihrer Zuschauer wünschen sich unsere drei Protagonisten. Viktoria stellt schnell fest: „Ich hoffe, dass die Besucher die Show genießen und sich ganz darauf einlassen können, ohne sich vielleicht von meiner Darstellung, der der Kollegen, oder aber auch von vielleicht der Person des Darstellers ablenken zu lassen. Dann sind sie nicht mehr in der Geschichte, nicht mehr im Moment, was unglaublich schade ist.“ Feedback wäre ihr jegliches von Interesse, während Lukas klar zu Gehör bringt, dass man besser nicht alles zu nah an sich heranlassen solle, ansonsten unterstreiche er aber das von Viktoria und David Gesagte vollkommen. „Manches Feedback sollte man sich nicht so zu Herzen nehmen – manche Dinge sollten einem einfach egal sein.“ Eine Aussage, die man durchaus nachvollziehen kann, muss sich doch jede Darstellung auf einer Bühne dem subjektiven Geschmack und den Vorstellungen der Zuschauer unterordnen. „Ich fand jetzt bei ‘Straight’ einfach mal richtig toll, dass ich mit fremden Leuten über viele gleichweg persönliche Dinge reden konnte“, freut sich David und liefert uns sogleich ein passendes Schlusswort. „Ich wünsche mir, dass unsere Zuschauer im Moment sind und ihre Gedanken nicht mit Kleinigkeiten wie ‘gefallen mir die Kostüme’, oder so, ablenken lassen. Das ist doch die Magie des Geschichten Erzählens – man versteht sich mit den Menschen im Publikum auf eine gewisse Weise und bemerkt im besten Fall eine Verbindung mit ihnen. Es ist einfach ein schönes Gefühl zu sehen, wenn sie etwas in sich selbst wieder finden und genau das ist es, was wir als Schauspieler und letzten Endes Geschichtenerzähler erreichen wollen.“

 

Wir bedanken uns bei Viktoria Hillisch, Lukas Müller und David Paul für das interessante, in weiten Teilen lustige, aber auch bisweilen tiefgründige und ehrliche Gespräch und wünschen ihnen weiterhin viel Spaß und Freude an und in ihrem Beruf.

 

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Weiterführende Links:

Straight Europäische Erstaufführung
Straight Rezension
Interview Kreativteam Straight

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