Jan Ammann im Interview

Gerade hat Jan Ammann noch in Füssen seine vorerst letzten (bis Ende September) Vorstellungen als König Ludwig II. gespielt, da geht es schon an die Proben für “Doktor Schiwago” bei den Freilichtspielen Tecklenburg. Trotzdem hat der beliebte Musical-Darsteller Zeit für ein Interview mit uns gefunden und uns viele Fragen – ob beruflich oder privat – beantwortet.

(c) Karim Khawatmi

Berufliches

Wenn du eine Rolle aus deinem doch sehr umfangreichen Portfolio wählen dürftest, die du für einige Tage mit nach Hause nehmen müsstest, um sie auch im Alltag zu verkörpern, welche wäre es und was ist der Grund für die Wahl? (Besonderer Bezug/ häufig gespielt/ einfach eine witzige Vorstellung die Reaktion des Umfeldes betreffend…)

(Überlegt.) Nein, da fällt mir keine Rolle ein, die ich wirklich länger mit nach Hause nehmen möchte. Ich sterbe ja auch so oft auf der Bühne… Nein, tut mir Leid, das Musical muss wohl noch  geschrieben werden.

Was inspiriert dich, eine Figur auf eine bestimmte Art anzulegen? Was inspiriert dich auch in anderen Bereichen überhaupt künstlerisch aktiv zu sein?

Freiheit. Wenn ich mir selbst einen künstlerischen Zugang zu einer Rolle erarbeiten darf, wenn ich mich und meine Ideen in eine Produktion einbringen kann.

Prägt eine Rolle dich, oder prägst du sie? Was nimmst du aus deinen Bühnenfiguren für dich mit?

Beides. Wenn ich mich in einen neuen Charakter einarbeite, bleibt das einfach nicht aus. Ein gut geschriebenes Buch ist für mich bei dieser Arbeit die beste Grundlage, weil es mir hilft, einen Einstieg in die Arbeit zu finden. Später muss ich ja mein Vermögen, mein Talent also mich einbringen, um die Rolle überzeugend auf der Bühne darzustellen.

Was ist für dich der magischste Moment in einer Produktion? Ist es die Audition, den Text zu erhalten und zu lernen, die erste Probe auf der Bühne/ mit den Kollegen, die erste Vorstellung, der erste Applaus, oder das Gefühl es geschafft zu haben, eben der Schlussapplaus?

Während der Probenphase gibt es so einen Schlüsselmoment, wenn die ganze Produktion plötzlich die richtige Richtung bekommt, auf einmal allen klar ist, wohin wir bis zur Premiere wollen. Das ist für mich der magischste Moment.

Dein Terminkalender ist sehr abwechslungsreich, sowohl mit Konzerten als auch mit diversen Musicals. Was liegt dir mehr und warum?

Das kann ich so gar nicht sagen, ich mag beides. Je vielseitiger ich meinen Beruf ausleben kann, desto glücklicher bin ich – und das merkt man dann hoffentlich auch im Publikum. Dabei kommt es nicht darauf an, ob ich gerade in einem Musical auf der Bühne stehe oder bei einem Konzert.

Was gefällt dir persönlich besser, die große Halle/ großer Theatersaal mit tausend Menschen, oder ein kleiner und intimer Rahmen? Kannst du deine Entscheidung begründen?

Natürlich ist es ein tolles Gefühl, wenn man vor tausenden von Zuschauern in einer großen Halle steht und dort singen darf.  Aber in kleinen Sälen in intimerer Atmosphäre aufzutreten, ist natürlich auch sehr spannend.

Worauf freust du dich vor einem Auftritt am meisten und ist es dabei egal, ob es ein täglich wiederkehrender „Job“ wie ein Long run Musical oder eine eher sporadische Sache wie ein Konzert ist? ,

Schon vor der Show oder dem Konzert freue ich mich irrsinnig auf den allerersten Song, auf den Moment, wenn alles, was vorher geprobt wurde, zusammenkommt.

Musical Tenors 2018
(c) Stephan Drewianka

Was geht eigentlich bei Texthängern in dir vor? Kannst du das Gefühl und die Gedanken beschreiben, oder läufst du dann auf Autopilot? Gab es je einen richtigen Blackout wo wirklich nichts mehr ging?

Während einer Show kann das natürlich passieren, aber da hat man ja meistens seine Kollegen, die einem dann aus der Patsche helfen.  Bei Konzerten ist das schwieriger und es passiert trotzdem. Leider bin ich da keine Ausnahme, man möchte dann wirklich im Erdboden versinken. Aber da das ja nicht geht, muss man eben, wenn sonst nichts mehr geht, mit dem Publikum sprechen (und mit dem Pianisten) und nochmal von vorn beginnen…

Kehrst du gern wieder an Orte zurück? Gerade auch Spielorte und Rollen? Oder fordern dich neue Tätigkeiten mehr heraus? Was muss für dich „zusammenkommen“, um ein und dieselbe Rolle erneut zu spielen, oder an ein Theater zurückzukehren?

Ich kehre gern nach Füssen, Tecklenburg, Leipzig oder an andere Orte, wo ich bereits gespielt habe, zurück. Es ist für mich ein großes Kompliment, wenn ich dort, wo man mich bereits kennt, erneut engagiert werde.

 

Zwischen Beruflichem und Privatem

Hast du einen musikalischen Traum, oder auch ein Bühnenziel den/welches du dir noch nicht erfüllt hast, aber gern noch erfüllen würdest? Verrätst du ihn uns?

Ich mag alles, was mich herausfordert. Den Javert in „Les Miserables“ würde ich zum Beispiel unglaublich gern mal auf einer Bühne spielen.

Wie hast du deinen Weg auf die Bühne eingeschlagen? Huhn oder Ei – Was war bei dir der Auslöser und hast du die anfangs vielleicht sehr romantisierte Vorstellung irgendwann vielleicht sogar bereut? Was hast du dir anders vorgestellt auf dem Weg zum Darsteller und was würdest du Nachwuchskünstlern raten, die diesen Weg einschlagen möchten – welche Hürden lassen sich deiner Ansicht nach umschiffen?

Bei mir fing es mit einer klassischen Ausbildung an. Weil ich aber unbedingt auf die Bühne wollte, habe ich irgendwann mal nach Alternativen Ausschau gehalten. „Ludwig“ in Füssen („Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies“ – Musik Franz Hummel, Buch Stephan Barbarino, 2000 bis 2007), der Ur-Ludwig sozusagen, suchte damals einen klassischen Bariton. So fing alles an und ich fühlte mich in der Musicalwelt gut aufgehoben. Auf der Bühne zu stehen bedeutet mir bis heute sehr viel und ich bin froh und dankbar, dass es immer noch so gut läuft. Musicaldarsteller werden zu wollen, ist natürlich ein riskantes Unterfangen, man muss sich gut überlegen, ob man das wagt. Wenn man für die Bühne brennt, ist das eine gute Voraussetzung.

(c) Karim Khawatmi

Wie sehr wird man als Künstler auf seinen Beruf reduziert? Kannst du noch „einfach Jan“ sein? Und was macht dich aus? Was bist du selbst für ein Mensch? Welche Eigenschaften zeichnen dich aus?

Ich bin in meinem Privatleben gern und viel einfach Jan, aber mich selbst zu beschreiben, das fällt mir schwer.

Was würdest du dir von deinen Fans wünschen? Sowohl für dich als Künstler, als auch für sie?

Ich habe wunderbare Fans. Manchmal wünschte ich mir noch mehr Toleranz, wenn ich mal kaputt bin und Zeit für mich selbst benötige.

Wie kritikfähig bist du? Liest oder sammelst du Dinge über dich, oder gibt man das mit den Jahren irgendwann auf? Geht es einem dennoch nahe, wenn harsche/ ungerechtfertigte Worte über sich selbst oder auch Kollegen liest?

Meist versuche ich gerade den Kommentaren in der Social Media-Welt aus dem Weg zu gehen. Es gibt so viele Gemeinheiten dort und ich mag es einfach nicht, wenn es unfair wird, und zwar nicht nur auf mich bezogen, sondern auch auf meine Kollegen.

 

Tecklenburg und Doktor Schiwago

Sommer in Tecklenburg – für viele Künstler etwas Besonderes. Was bedeutet das für dich? Was macht den Reiz für dich aus, zurück auf die Freilichtbühne zu gehen und welche Schwierigkeiten/ Vorteile/ Nachteile/ Freuden… bringt dies mit sich?

Da ich in Billerbeck aufgewachsen bin, ist Tecklenburg für mich ein Stück Heimat. Die Bühne ist mir natürlich sehr vertraut, ich freue mich unglaublich auf die Produktion. Besonders gespannt bin ich auf die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Ulrich Wiggers. Das Wetter wird sicher eine Herausforderung, aber das gehört in Tecklenburg ja dazu.

Du hast die Rolle des Jurij im deutschsprachigen Raum eingeführt und geprägt. Ist diese Figur für dich etwas Besonderes? Warum und Wie?

Die Rolle ist wirklich eine Herausforderung, Jurij ist so zerrissen zwischen der Pflicht in Kriegszeiten als Arzt im Einsatz zu sein und seiner Berufung als Dichter, aber natürlich auch zwischen seinen beiden großen Lieben Tonja und Lara. Er erlebt den Krieg, die Revolution, seine große, leidenschaftliche Liebe und brennt für die Poesie – das alles zu zeigen, ist wirklich etwas Besonderes.

Seit der deutschsprachigen Erstaufführung haben jetzt schon einige Theater Inszenierungen heraus gebracht. Macht dich das auch ein bisschen stolz? Fühlst du dich ein bisschen wie der „Vater des Erfolgs“?

Nein, so würde ich es nicht beschreiben. Ich bin natürlich stolz, Teil der wunderbaren Leipziger Produktion gewesen zu sein und froh, dass sie so erfolgreich war. Aber der „Vater des Erfolgs“, das bin ich nicht.

In Australien und am Broadway konnte sich Doktor Schiwago nicht durchsetzen. International spielt es kaum eine Rolle. In Deutschland ist es ein Erfolg. Wie erklärst du dir dieses Phänomen?

Es ist oft so, dass Stücke, die am Broadway gut laufen, in Deutschland gar nicht ankommen – und umgekehrt. Dr. Schiwago erzählt ein Stück europäischer Geschichte, vielleicht liegt es daran, dass die Produktion in Leipzig so ein großer Erfolg war und viele Theater in Deutschland und Österreich das Stück nun auch spielen.

Glaubst du, dass Schiwago auch im Hochsommer Open Air funktionieren kann? Hast du Angst vor den Wintermänteln und Pelzmützen? 😉

Ja. Ich glaube unbedingt, dass es funktioniert – bei jedem Wetter – davon bin ich überzeugt. Aber ich habe wirklich Respekt davor, bei sommerlichen Temperaturen im Wintermantel auf der Bühne zu stehen.

 

Privates

Wann hast du zuletzt richtig Urlaub gemacht und wohin zieht es dich in den freien Tagen? Was ist das Besondere an diesem Ort für dich?

Ich habe in den letzten zehn Jahren einmal richtig Urlaub gemacht. An meinen freien Tagen treibe ich Sport, gern auch mal draußen, und ich koche gern. Das ist Entspannung für mich.

Du hast neben deinem Bühnenjob Ernährungswissenschaften studiert. Bist du damit inzwischen fertig und ist dies eine Art zweites Standbein über das du nachdenken würdest?

Abgeschlossen habe ich es noch nicht, aber einige Prüfungen bestanden. Das Thema ist ja auch ein Hobby für mich, aber ich plane durchaus, in beratender Funktion tätig zu werden. Schließlich möchte ich dabei mithelfen, die eine oder andere große Ernährungslüge aus der Welt zu schaffen.

(c) Karim Khawatmi

Gibt es für dich Pläne für „nach der Bühne“? „Kannst“ du überhaupt ohne die Musik?

Solche Pläne habe ich bisher nicht, Musik wird sicher  immer ein Teil meines Lebens bleiben.

Wie sesshaft bist du? Du hast einige Zeit in L.A. gelebt und auch sonst bringt dein Beruf es mit sich, viel umher zu reisen. Wie definiert sich Heimat für dich? Gibt es davon ab vielleicht noch einen Ort, an dem du dich zu Hause fühlst – wenn ja welchen und warum?

Heimat ist für mich da, wo das Herz zuhause ist und definiert sich deshalb mehr über Menschen als über Orte.

Auf welche Dinge im Leben kannst du auf keinen Fall verzichten, und worauf legst du viel/ oder auch gar keinen Wert?

L-Thyroxin (lacht, denn es ist sein Schilddrüsenmedikament, das er regelmäßig benötigt – so wie viele andere Menschen mit Fehlfunktion). Ansonsten lege ich viel Wert auf gesundes Essen und ehrlichen, freundlichen Umgang mit Menschen.

Gibt es Entscheidungen, die du bereust getroffen zu haben?

Es gibt in meinem Leben sicher Entscheidungen, die ich heute anders treffen würde. Jeder macht Fehler, die er später bereut, aber ungeschehen machen geht ja  nicht, deshalb versuche ich, daraus zu lernen.

 

Vielen Dank für die offenen Antworten und für die Zeit, die du dir genommen hast (red.).

 

Weiterführende Links:
Jan Ammann

 

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.