Tina – Das Tina Turner Musical

“Musik hat keine Farbe”

Das Stage Operettenhaus auf der Hamburger Reeperbahn, direkt im berüchtigten Vergnügungsviertel Sankt Pauli gelegen, hat in den vergangenen Jahren eine Vielzahl an Produktionen beherbergt, die ein ums andere Mal bunt, schrill und ungewöhnlich waren. In diese Riege vergangener, aber nicht vergessener Produktionen reiht sich seit dem Frühjahr dieses Jahres „Tina – Das Tina Turner Musical“ ein. Erzählt wird die Geschichte, wie der heute fast 80jährige Weltstar zu dem geworden ist, was er  oder vielmehr sie, heute ist und welche Steine ihr in den Weg gelegt wurden. Die ersten knapp 50 Lebensjahre des Weltstars werden chronologisch beleuchtet, auch wenn für den Beginn ein Einstieg gewählt wird, der im ersten Moment alles andere als logisch wirkt.

(c) Manuel Harlan

Tina sitzt, kurz vor ihrem legendären Konzert in Rio de Janeiro auf der Bühne und meditiert, während im Hintergrund die ersten Töne von der Band angespielt werden. Schnell jedoch ändert sich das Szenario und das Publikum wird auf eine Reise in die Vergangenheit mitgenommen. In Nutbush, Tennessee, dem Geburtsort der kleinen Anna Mae Bullock,  wird zu einem Gottesdienst gerufen, in welchem das junge Mädchen durch seine unvergleichliche Lebensfreude allen Gemeindemitgliedern auffällt. Der Mutter ist das Verhalten ihrer Tochter ein Dorn im Auge, in den darauffolgenden Szenen bezeugt das Publikum einen Streit im Elternhaus, in dessen Folge sich die Eltern trennen. Während die Mutter mit der älteren Tochter auszieht, bleibt die Jüngere beim Vater, der sie in die Obhut ihrer Großmutter gibt. Erst mit 16 Jahren folgt sie dem Ruf ihrer Schwester aus dem  Dorf in die Großstadt, nach St. Louis. Bei einer nächtlichen Unternehmung begegnet sie in einem Club erstmalig Ike Turner, der sich von ihrer Stimme begeistert zeigt und sie kurz darauf mit auf Tournee nehmen möchte. Anna Maes Mutter lässt sich schnell überzeugen und die musikalische Karriere des jungen Mädchens beginnt.

(c) Manuel Harlan

Der cholerische Ike Turner zieht sie immer mehr in den Mittelpunkt seiner Band, die er nach einiger Zeit in „The Ike and Tina Turner Revue“ umbenennt. Je größer ihre musikalischen Erfolge werden, je mehr er aus dem eigentlichen Geschehen gedrängt wird, desto unausstehlicher wird er. Tina, wie mittlerweile ihr Künstlername lautet, kämpft sich durch und beginnt eine Affäre mit Raymond Hill, von dem sie schließlich auch ein Kind erwartet. Dies kommt erst nach ihrer Verlobung mit Ike ans Licht, und die Ehehölle, in der sie unablässig gegängelt und misshandelt wird, hält ganze 16 Jahre an, ehe sie die Kraft findet, sich ihrer Kinder zuliebe und nicht zuletzt um ihrer selbst Willen zu trennen.

Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, tritt die Sängerin in fragwürdigen Etablissements auf und bessert ihre Finanzen auf, indem sie nebenbei putzen geht. Gestützt von wenigen Freunden und ihren Söhnen kämpft sie ums Überleben, denn nicht nur die Miete, sondern auch die Regressforderungen ihres Exmannes reißen immer wieder ein Loch in die Kasse. Geduldig versucht sie es wieder und wieder bei diversen Labels und Plattenfirmen, doch die erhoffte Chance bleibt aus. Tina Turner träumt davon, ihre eigene Musik zu machen und sich nicht in eine Schablone pressen zu lassen. Von einer Reise nach London, wo sie auch ihren zukünftigen Ehemann kennenlernen wird, verspricht sie sich viel und erst kurz vor dem Scheitern dort eröffnen sich neue Wege mit ihrem Manager Roger Davies, der den Glauben an sie nicht verliert. Erst als sie wieder in Amerika auftritt, diesmal jedoch mit eigenen Songs, startet sie richtig durch und plötzlich ist sie selbst in der Lage, Forderungen zu stellen und die Konditionen ihrer Verträge auszuhandeln. Neuen Aufschwung bekommt sie durch ihre nun eigene Musik und wird nicht länger als „abgehalfterte Soul Oma“ verschrien. Höhen und Tiefen durchlebt sie dennoch weiterhin, findet jedoch eine Menge Rückhalt. Als ihre Mutter stirbt, weiß sie sich zu behaupten, auch Ike ist inzwischen machtlos gegen sie und am Ende steht sie in Brasilien vor einer riesigen Fangemeinde mit über 180.000 Zuschauern. An dieser Stelle schließt sich der Kreis und das Musical endet mit einer kurzen aber sehr kraftvollen spektakulären Bühnenshow.

(c) Manuel Harlan

Kann dieses Bühnenspektakel also funktionieren, reichen das Bühnenbild, die Kostüme und die Musik des Weltstars Tina Turner aus, um die tiefgründige Geschichte zu tragen?  Das Bühnenbild ist bei „Tina“ sehr schlicht gehalten. Die meiste Zeit fühlt man sich als Zuschauer ein wenig wie im Inneren einer Camera Obscura, was durch die schlichten dunklen Rahmen, die der Bühne einiges an optischer Tiefe spendieren, verstärkt wird. Am Ende wird mit zahllosen Projektionen gearbeitet, die die Stimmung zu jeder Zeit untermalen, bisweilen allerdings auch vom aktiven Geschehen ablenken. So ist es mal das ruhige Bild eines Flusses, mal lediglich psychedelische Muster, die sich im Stil eines alten Mediaplayers wellenförmig bewegen, oder ein Sonnenuntergang, der sich in das Dunkel einfügt. Überzeugen konnte dieses stilistische Mittel hier jedoch einzig bei der sehr spektakulären Flucht vor Ike.

Die Kostüme sind genau, wie man sie von ihrem Original kennt. Glänzend, kurz, schrill und sehr freizügig. Oft finden die Wechsel direkt auf der Bühne statt, was in einem sehr intimen Moment, als Tina meditiert und ihre Ahnen gestaltlich auf der Bühne auftauchen, leider für eine unfreiwillige Komik sorgt, schießt einem doch, als ihr früheres Ich beginnt Kleidung für sie auszuwählen, spontan der Gedanke an die „Mini Playback Show“ in den Kopf. Das Gesamtbild jedoch wirkt rund und durchdacht. Auch die Choreographien sind abwechslungsreich und ansprechend, wünschte man sich jedoch an einigen Stellen etwas mehr Tiefgang, denn Momente, die eine besondere Stimmung erzeugen, werden durch ein (zu) rasches Auflösen eines Bildes leider bisweilen zerstört.

Der erste Akt an diesem Sonntagabend ist musikalisch stark übersteuert, was es schwer macht, dem Geschehen zu folgen, ohne sich  dadurch ablenken zu lassen, die zum Teil stark störenden Dialekte ausblenden zu müssen, was bei der Lautstärke bisweilen beinahe unmöglich und der Geschichte nicht unbedingt förderlich ist. Sprachlich kann „Tina“ nicht überzeugen, wozu auch die Übersetzungen der Originaltitel ins Deutsche beitragen. So gern man eine einheitliche Sprache hat, so sehr trauert man jedoch den Titeln nach, die jedem noch im Ohr klingen.

(c) Manuel Harlan

Der zweite Akt kommt wesentlich stärker und stimmgewaltiger daher als der Beginn des Musicals. Die letzten fünfzehn Minuten, in denen man einen exzellenten Einblick in die Musik Tina Turners bekommt und in der alle Register einer durchweg spektakulären Bühnenshow gezogen werden, halten keinen mehr auf den Sitzen. Das Theater verwandelt sich für einen Moment in eine Konzerthalle und das Publikum feiert das Ende des Stückes mit gebührendem Applaus. Channah Hewitt als Tina erntet stehende Ovationen, Michael B. Sattler als cholerischer Gegenspieler Ike bringt seine Rolle überaus überzeugend auf die Bühne. Mit Anthony Curtis Kirby als Raymond leidet man mit, während er seine Liebste umwirbt, es ist überaus schade, dass die kurz angelegte Rolle nicht mehr Raum bietet, ihm zuzusehen oder zuzuhören. Auch Nikolas Heiber als Manager Roger Davies weiß  von sich zu überzeugen und Sympathiepunkte zu sammeln. Alles in allem darf man von „Tina“ nicht erwarten, eine absolut runde und überzeugende Geschichte präsentiert zu bekommen. Diese hat das Leben geschrieben, sie wurde nachgebessert und bühnentauglich verpackt, aber für einen unterhaltsamen Abend genügt es auch, selbst in Erinnerungen an die Hochzeiten der Pop Ikone Tina Turner zu schwelgen und die eine oder andere Melodie von den elf Musikern, die – sehr passend und eindrucksvoll immer wieder auf der Bühne zwischen den Darstellern agieren –  wieder ins Ohr gesetzt zu bekommen.

 

Fotos: Pressematerial Stage Entertainment, (c) Manuel Harlan

 

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Weiterführende Infos:

Channah Hewitt
Michael B. Sattler
Anthony Curtis Kirby
Nikolas Heiber
Marlon Wehmeier
Tina – das Musical
Stage Entertainment

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