„Scholl – Die Knospe der Weißen Rose“ am Theater Magdeburg

© www.AndreasLander.de
Es war schon ein bemerkenswerter und geradezu symbolhafter zeitlicher Zufall an diesem 11. April 2026 in Magdeburg: Während in der Hyparschale die als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD Sachsen-Anhalt ihr Programm für die kommende Landtagswahl beschloss, erlebte nur wenige Kilometer weiter ein Musical seine Premiere, das genau jene Themen zum Inhalt hat, die eben jenes Wahlprogramm zerstören will: demokratischer Widerstand gegen ein autokratisches System, das unbeliebte Meinungsäußerungen mit Gewalt erstickt und systematisch Millionen von Menschenleben auslöscht.
Hans und Sophie Scholl haben sich gemeinsam mit einer Gruppe von Freunden diesem System widersetzt. Und sind dafür gestorben. An sie zu erinnern, und im Angesicht der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen vor einer Wiederholung dieses dunklen Kapitels der deutschen Geschichte zu warnen, dazu leistet „Scholl – Die Knospe der Weißen Rose“ einen künstlerischen Beitrag.

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Zugegeben, eine große Aufgabe für ein Musical. Ein Genre, das viele Menschen noch immer vor allem mit Spaß, seichten Plots und großen, dramatischen Musikstücken verbinden. Doch dass Musical viel mehr kann, haben in der Vergangenheit schon Stoffe wie „Next to Normal“ oder „Dear Evan Hansen“ bewiesen. Schwierige, persönliche Problematiken und Lebenskrisen werden thematisiert und mithilfe der musikalischen Verarbeitung auf eine besondere emotionale Stufe gehoben. Und so ist auch „Scholl – Die Knospe der Weißen Rose“ eigentlich viel mehr ein musikalisches Zeitzeugengespräch, zumal die Texte (sowohl die Lieder als auch die gesprochenen Passagen) auf Gedichten Hans Scholls und historischen Dokumenten basiert.
Anstatt die bekannte Geschichte der Widerstandsgruppe um Hans und Sophie Scholl aufzunehmen, erzählen Thomas Borchert und Titus Hoffmann das Davor. So kann man verstehen, was angesichts der Schrecken des Krieges, des Verschwindens von Menschen, der Unterdrückung und Vernichtung „Andersartiger“ in den jungen Menschen vorgeht und wie es dazu kommt, dass sie schließlich ganz bewusst und voll innerer Überzeugung in den Widerstand und damit letztendlich in den Tod gehen. Die Inszenierung wird so statt zur historischen Nacherzählung zu einem intimen Gedankenraum über Moral, Verantwortung und Zivilcourage. Durch die Begrenzung der Handlung auf Gedanken, Gespräche, das Philosophieren, das Lesen von Büchern und Schreiben von Texten in dem ebenfalls sehr begrenzten Raum der Skihütte wird das Musical zum Kammerspiel.

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Das ist nicht immer ganz einfach für den Zuschauer. Es gibt verschiedene Erzählebenen, Rückblenden und am Ende auch Blicke in die Zukunft, Menschen, die eigentlich gar nicht Teil der Gruppe sind, sind trotzdem anwesend, die Gespräche, sowohl die realen als auch die gedanklichen, sind zum Teil hochphilosophisch. Und trotzdem macht genau das den Reiz und die besondere Stimmung dieser Inszenierung aus. Das reduzierte, verdichtete und ganz bewusst sich ständig verändernde und die jeweilige Situation unterstützende Bühnenbild verstärkt diese besondere Stimmung, auch durch Projektionen oder symbolhafte Anordnung der beweglichen, schwebenden Balken.
Zum Leben erweckt wird die Geschichte von vier Darstellerinnen (Celena Pieper, Judith Caspari, Bianca Basler, Lara Kareen) und drei Darstellern (Alexander Auler, Fin Holzwart, Raphael Binde). Ihnen allen gelingt es, die Emotionalität der Thematik und die inneren Zustände ihrer jeweiligen Charaktere ausgesprochen gut und glaubhaft an die Zuschauer zu bringen. Stimmlich ragten am Premierenabend vor allem Celena Pieper in der Rolle von Sophie Scholl und Judith Caspari als Traute Lafrenz aus der Gruppe heraus.

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„Scholl – Die Knospe der Weißen Rose“ ist kein leichtes Musical, sondern inhaltlich fordernd und künstlerisch ambitioniert. Es ist keine bloße Unterhaltung, sondern der Versuch einer Annäherung an einen historischen Moment, der zum Nachdenken zwingt. Der Versuch ist geglückt, er wirkt überraschend gegenwärtig und wirkt lange nach.
„Scholl – Die Knospe der Weißen Rose“
Buch und Liedtexte von Titus Hoffmann
Musik von Thomas Borchert
Arrangements von Thomas Borchert
und Robert Paul
Übernahme vom Stadttheater Fürth
Ab 12 Jahren
Musikalische Leitung Robert Paul
Regie Titus Hoffmann
Bühne Stephan Prattes
Kostüm Conny Lüders
Choreografie Andrea Danae Kingston
Choreografische Assistenz Nina Baukus
Dramaturgie Christoph Clausen
Besetzung
Traute Judith Caspari
Hans Alexander Auler
Sophie Celena Pieper
Inge Bianca Basler
Shurik Fin Holzwart
Freddy Raphael Binde
Ulla Lara Kareen
