Theater als öffentlicher Erinnerungsraum – „Wunde Stadt“ am Theater Magdeburg

(gesehene Vorstellung: 25.Mai 2026)

Foto: Kerstin Schomburg

Ich gebe es zu: Selten bin ich mit einer solchen Anspannung in ein Theaterstück gegangen wie am Pfingstmontag 2026 in die zweite Vorstellung des Stückes „Wunde Stadt“ am Theater Magdeburg.

Das Ereignis, das Ausgangspunkt für die Inszenierung ist, hat mich als gebürtige Magdeburgerin, die Stadt, in der ich immer noch lebe, die Menschen in dieser Stadt, aber auch über die Stadtgrenzen hinaus, erschüttert und nachhaltig verändert. Der Anschlag vom 20. Dezember 2024 auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt, bei dem sechs Menschen getötet, 300 verletzt und unzählige traumatisiert oder zumindest emotional getroffen wurden, hat Wunden in das Stadtleben gerissen. Auch knapp anderthalb Jahre nach der Amokfahrt werden die Menschen in Magdeburg nahezu täglich damit konfrontiert: der Prozess gegen den Attentäter läuft, die Parlamente in Stadt und Land beschäftigen sich in Untersuchungsausschüssen mit der Aufarbeitung, es gab zum ersten Jahrestag eine große Gedenkveranstaltung und auch schon einen weiteren Weihnachtsmarkt am Ort des Attentats und, und, und. Die Tragödie ist präsent und hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Sie hat Familien zerstört, Leben dauerhaft verändert und ein Gefühl der Sicherheit erschüttert, das viele zuvor für selbstverständlich hielten.

Und jetzt also auch noch ein Theaterstück.

Bereits im Mai 2025 kündigte das Theater Magdeburg dieses Stück auf seiner Pressekonferenz zur kommenden Spielzeit und im Spielzeitheft an, damals noch unter dem Arbeitstitel „3 Minuten“. Doch erst im November 2025, also ein halbes Jahr nach der Ankündigung, flammten plötzlich Diskussionen darüber auf. Darf Theater sich einer solchen Katastrophe bereits so kurz nach dem Ereignis widmen? Ist die Wunde noch zu frisch? Wird hier Trauer künstlerisch verwertet? Oder braucht eine Stadt gerade in einer solchen Situation Orte, an denen sie gemeinsam über das Geschehene nachdenken kann?

Solche Diskussionen sind legitim, solange sie aus nachvollziehbaren Gründen mit nachvollziehbaren Argumenten geführt werden. Das war hier aber keineswegs so. Es gab Menschen, die meinten, für die direkt betroffenen Opfer sprechen zu müssen, weil diese vor „solcher Art Aufarbeitung“ geschützt werden müssten. Es gab Menschen, die dem Theater schlicht und einfach „Geldmacherei“ vorwarfen und es gab jene, welche die Freiheit der Kunst nicht nur in Frage, sondern generell in Abrede stellten.

Und so gipfelten die  – vorwiegend in den sozialen Medien geführten – Diskussionen und Proteste gegen das Stück, das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte, am 9. November 2025 in einer „Mahnwache“ vor den Spielstätten des Theaters. Der Organisator wurde nicht müde zu beteuern, dass dies eine unpolitische Demonstration sein solle und es ihm allein um den Schutz der Attentats-Opfer ginge.

Die Wirklichkeit war eine andere: Die Gruppe der Demonstrierenden setzte sich klar aus Teilen des rechten Milieus zusammen, auch Reichskriegsflaggen wurden geschwenkt. Der „Opferschutz“ wurde zur ideologischen Relativierung der Kunstfreiheit.
Gegen diese Vereinnahmung hat das Theater Magdeburg ein klares Statement veröffentlicht (https://www.theater-magdeburg.de/statement-der-intendanz-und-der-schauspielleitung-zur-demonstration-vom-91125/) und die Arbeit am Stück ging weiter.

Aus „3 Minuten“ wurde „Wunde Stadt“. Und schon diese Änderung des Titels zeigt klar, wer und was im Vordergrund der Inszenierung steht: nicht die Tat, nicht der Täter, sondern die Opfer. Alle Opfer, nicht nur die direkt Betroffenen, sondern die ganze Stadt.

Und genau in dieser Tatsache liegt die vielleicht wichtigste Entscheidung von Autor Kevin Rittberger und Regisseur Sebastian Nübling, nämlich den Täter konsequent aus dem Zentrum der Erzählung zu verdrängen. In einer Medienwelt, die nach solchen Taten häufig von Täterbiografien, Motiven und ideologischen Einordnungen dominiert wird, richtet „Wunde Stadt“ den Blick auf die Menschen, die mit den Folgen leben müssen.

Das Stück rekonstruiert den Anschlag nicht. Es zeigt keine Amokfahrt, keine spektakulären Bilder von Gewalt und keine nachgespielten Schreckensmomente. Stattdessen interessiert sich der Abend für die Zeit danach: Wie verändert ein solches Ereignis eine Stadt? Wie verändert es die Menschen? Und wie spricht man über etwas, das sich eigentlich jeder Sprache entzieht?

Um diesen Fragen nachzugehen, hat Autor Kevin Rittberger zahlreiche Gespräche mit Betroffenen, Angehörigen, Rettungskräften, Seelsorgern und Bürgern geführt. Und das nicht nur ein Mal, sondern immer wieder über einen längeren Zeitraum begleitete er Menschen in ihren verschiedenen Phasen der Trauer, der Verarbeitung, des Zurückfindens ins Leben.

Foto: Kerstin Schomburg

Wir sehen auf der Bühne eine Selbsthilfegruppe, bestehend aus Menschen, die den Anschlag unterschiedlich erlebt haben und seine Folgen unterschiedlich verarbeiten. Die Figuren stehen stellvertretend für die unterschiedlichen Gruppen von Menschen in Magdeburg. Da ist die Malerin, die nach dem Anschlag keinen Zugang mehr zu ihrer Kunst findet. Eine Seelsorgerin, die anderen Trost spendet und dabei an die Grenzen ihrer eigenen Belastbarkeit gerät. Eine Pflegekraft mit Migrationsgeschichte, die erlebt, wie gesellschaftliche Debatten über Herkunft und Zugehörigkeit plötzlich in ihr eigenes Leben hineinreichen. Der junge Mann, der eigentlich gar nicht vor Ort war, aber dem ein Stück Kindheitserinnerung genommen wurde, als der Amokfahrer durch die Märchengasse gerast ist.

Diese Figuren repräsentieren keine klar umrissenen Positionen. Sie widersprechen sich, korrigieren sich, verlieren den Faden. Sie kämpfen, sie verzweifeln, sie resignieren, sie sind wütend. Auf den Täter, auf die Behörden, auf andere Menschen.

Insgesamt lassen Autor Kevin Rittberger und Regisseur Sebastian Nübling das Publikum vier Gruppensitzungen über einen längeren Zeitraum miterleben. Und damit auch, wie Trauer sich verändert, wie Wunden heilen, wie man lernt, mit den Narben zu leben oder wie man vor den Folgen der Tat kapituliert.

Eines eint alle Figuren vom Anfang bis zum Ende: „Ich will mein altes Leben zurück. Aber das gibt es wahrscheinlich nicht, das alte Leben. Vielleicht gibt es ein anderes Leben als das hier. Vielleicht wird es sich ändern. Ich will mein altes Leben zurück.“

Meist stehen die Schauspieler einfach im Raum und erzählen. Dadurch entsteht ein Theaterabend, der nicht vorgibt, die Wahrheit über ein Ereignis zu kennen, sondern unterschiedliche Wahrheiten nebeneinanderstehen lässt.
Die emotionale Wirkung des Abends entsteht gerade aus der Konzentration auf Menschen, Sprache und Präsenz.

Auch das Bühnenbild verzichtet auf jeden Realismus. Kein Weihnachtsmarkt, keine Buden, keine Lichterketten, keine Rekonstruktion des Tatortes. Stattdessen prägt ein großer Stuhlkreis den Raum. Die Stühle werden verschoben, gedreht, neu gruppiert, auseinandergeschoben und wieder zusammengeführt. Nahezu ein Symbol für die Suche nach einer Ordnung nach dem Chaos der Katastrophe.
Und dann ist da noch das Schleifen der Stuhlbeine. Nahezu unerträglich lang und laut zu Beginn wird es von Sitzung zu Sitzung leiser und langsamer. Die Stadt und ihre Menschen kommen zur Ruhe, zumindest ein wenig.

Getragen wird die Inszenierung vor allem von ihrem Ensemble. Man glaubt ihnen ihre Erschöpfung, ihre Wut, ihre Ratlosigkeit. Es ist faszinierend, wie die Darstellenden es schaffen, allein mit Worten oder minimalen Gesten eine Emotionalität beim Publikum zu erreichen, wie es eine plakative Inszenierung der Ereignisse nie geschafft hätte.
Aus dem Ensemble jemanden herauszustellen ist unmöglich. Die Leistung der gesamten Gruppe ist ebenso komplex wie das Attentat und seine Aufarbeitung.

„Wunde Stadt“: Sowohl der Titel als auch die Inszenierung gehen über den Anschlag vom 20. Dezember 2024 hinaus. Denn die Stadt hat nicht nur diese eine Wunde, sondern bereits viele ältere Narben. Zweimal wurde sie bereits nahezu komplett zerstört, im Jahr 1631 während des Dreißigjährigen Krieges und am 16. Januar 1945 kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges. Nach der politischen Wende der Jahre 1989/1990 verlor Magdeburg seine Identität als „Stadt des Schwermaschinenbaus“, denn nahezu die ganze Industrie brach zusammen. All dies hat Wunden und Narben hinterlassen, die auf die Stadtgesellschaft wirken.

Und sie werden gestellt, die Fragen nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, nach Misstrauen, nach politischer Instrumentalisierung, nach dem Umgang mit Fremdheit, nach den Spannungen, die schon vor dem Anschlag existierten und durch ihn sichtbarer wurden.

Aber auch: Wie entsteht Solidarität, wann zerbricht sie? Was hält Menschen zusammen, wenn sie dasselbe Ereignis völlig unterschiedlich erleben?

Das Stück hat auf diese Fragen keine Antworten parat, schon gar keine allgemeingültigen. Aber es hinterlässt eine Vision, eine Zukunftsahnung, einen Hoffnungsschimmer.

Foto: Kerstin Schomburg

Zurück zu den Diskussionen rund um das Stück. Noch immer sind die Kommentarspalten unter den Beiträgen rund um die Premiere voll von undifferenzierter Gegenrede, die vermutlich vor allem von Menschen stammen, die den Abend nicht gesehen oder sich wenigstens ernsthaft damit auseinandergesetzt haben. Im Gegensatz zu zahlreichen Betroffenen. Denn es gab eine Endprobe nur für Opfer und Betroffene des Anschlags und, so berichtet Autor Kevin Rittberger, die Inszenierung wurde von diesen durchweg positiv aufgenommen. Die Betroffenen fühlen sich gesehen.

Doch die Inszenierung beansprucht nicht, für die Opfer zu sprechen. Sie erhebt auch nicht den Anspruch, den Anschlag erklären zu können. Sie zeigt Menschen, die mit etwas leben müssen, das sich letztlich nicht begreifen lässt. Und so ist dieser Abend vielmehr das Angebot eines Gesprächs.

Und das war das Ziel des Theaters Magdeburg: Einen Ort zu schaffen, in dem Menschen sich austauschen können über das Geschehene, über die Wunden, welche diese Tat gerissen hat und wie die Stadtgesellschaft es schafft, diese Wunden gemeinsam bestmöglich heilen zu lassen. Das ist das, was Theater kann und das ist mit „Wunde Stadt“ gelungen.

 

Regie:   Sebastian Nübling
Bühne:  Una Jankov, Sebastian Nübling
Kostüm: Una Jankov
Musik und Sounddesign: Jackie Poloni
Dramaturgie: Katrin Enders

Mit
Meriam Abbas
Anton Andreew
Viktor Bashmakov
Rainer Frank
Luise Hart
Niklas Hummel
Robert Lang-Vogel
Michael Ruchter
Bettina Schneider
Isabel Will

 

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