Domplatz Open Air 2019 – „Chicago“ in Magdeburg

Etwas sorgenvoll gingen die Blicke der über 1.000 Premierenbesucher von „Chicago“ auf dem Magdeburger Domplatz am Freitagabend gen Himmel. Denn dort brauten sich kurz vor Vorstellungsbeginn dunkle Wolken zusammen und es fing an zu tröpfeln. Nachdem tags zuvor schon die Generalprobe zum Teil einem heftigen Gewitter zum Opfer gefallen war, bangte man jetzt um die Premiere. Doch der Regenschauer dauerte nur kurz an, die Bühne blieb trocken und die erste Show des Domplatz Open Air 2019 ging wie geplant über die beeindruckende Bühne.

Und dort wurde es heiß, im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Bis in die späten Nachtstunden hinein waren die Temperaturen in Magdeburg hochsommerlich und unter den Scheinwerfern gab es jede Menge Sex, Crime, Glitzer und viel nackte Haut. Eben genau so, wie man es vom Musical-Klassiker „Chicago“ kennt und erwartet.

Und doch ist in der Magdeburger Inszenierung einiges anders als in der Originalproduktion. Denn das Theater Magdeburg hat als eines von nur wenigen Theatern die Erlaubnis für eine Neuproduktion bekommen. Diese Chance hat Ulrich Wiggers, der für den Domplatz im Jahr 2014 bereits die „Rocky Horror Show“ inszenierte, ergriffen und eine neue, moderne, in der heutigen Zeit verankerte Version des fast 100 Jahre alten Stoffes geschaffen, die auch auf einer Open Air Bühne funktioniert.

Und diese Metamorphose ist dem Team um Regisseur Wiggers und den musikalischen Leiter Damian Omansen bestens gelungen. Das zeigt auch die Begeisterung des Premierenpublikums, das die Protagonisten nach dem knapp dreistündigen Ausflug in die Gefängniswelt von Crook County mit Standing Ovations und jubelndem Applaus feierte. Wiggers verlagert in seiner Inszenierung den Blickwinkel auf die Geschichte, jedoch ohne verfremdend in die Handlungsstränge einzugreifen. Behutsam lenkt er den Fokus weg vom Vaudeville-Charakter des Stückes hin zu einem Spiegelbild der heutigen Welt unter der Macht der Medien. Die Verbrechen, welche der eigentliche Kern des Stückes sind und die Handlung ins Rollen bringen, treten in den Hintergrund, Selbstvermarktung und Publicity um jeden Preis sind die Dinge, um die sich alles dreht.

Umgesetzt wird diese neue Sicht auf den Klassiker von einer großartigen Cast in einem eindrucksvollen Setting. Über allem thront im Mittelpunkt der Bühne – als Wächterin über die Gerechtigkeit oder auch als Persiflage auf eben jene – eine etwa zehn Meter hohe Statue der „Justitia“. Auf ihr und um sie herum wird die Gerechtigkeit durch andere gemacht, manipuliert und ad absurdum geführt, doch sie ist dem gegenüber blind und am Ende brennen sogar ihre Waagschalen. Recht und links von der Bühne wird Justitia flankiert von zwei ebenso monströsen Wächtern in Ritterrüstung. Zwischen ihnen, im Halbkreis hat Bühnenbildner Leif-Erik Heine auf zwei Etagen kleine Kammern angeordnet, die je nach Bedarf zu Wohnzimmern, Gerichtsräumen oder Gefängniszellen werden. In den größten Kammern an den jeweiligen Seitenenden „residieren“ die Hauptprotagonistinnen des Abends: Roxie Hart (Sandy Mölling) und Velma Kelly (Marcella Adema).

Sie sind es, gemeinsam mit Carin Filipčić in der Rolle der korrupten Gefängnisaufseherin Mama Morton, die diesen Abend in erster Linie tragen. Ex-No Angel Sandy Mölling beweist eindrucksvoll, dass sie nicht nur singen, sondern auch tanzen und vor allem überzeugend schauspielern kann. Ob divenhaft-betrunkene Mörderin, eiskalt-hochmütige Gefängnis-Insassin oder in Kleinmädchenmanier manipulierende Angeklagte – Mölling verkörpert alle Facetten der Roxie Hart absolut überzeugend und mit großer Hingabe. Dazu verleiht sie ihrer Stimme, passend zum Stück, an den richtigen Stellen ein wunderbar „dreckiges“ Timbre und so werden ihre Songs wie „Roxie“ oder „Ich und mein Baby“, die sie gemeinsam mit der ausgesprochen starken und spielfreudigen Tanzcrew der Inszenierung performt, zu einem Genuss für Auge und Ohr.

Für das erste Highlight des Abends sorgt jedoch schon mit dem ersten Lied „All that Jazz“ Marcella Adema. Sie verkörpert Roxies Gegenspielerin im Kampf um die Gunst des Rechtsanwalts Billy Flynn, der Medien und der Öffentlichkeit, den früheren Vaudeville-Star Velma Kelly. Adema besticht durch eine kraftvolle Bühnenpräsenz, im Zusammenspiel mit einer starken Stimme und einer beeindruckenden Tanzperformance bildet sie den perfekten Gegenpart (oder eben auch die perfekte Ergänzung) zu Sandy Möllings Roxie. Wenn am Ende beide den „Doppel-Akt“ auf die Bühne bringen, gemeinsam mit den vielen Tänzerinnen und Tänzern der Magdeburger Ballettcompagnie und einigen Gästen, dann ist dies das perfekte Abschluss für diesen Abend.
Komplettiert wird das Trio der starken Frauenrollen von Carin Filipčić als Mama Morton. In schwarzer Lederkluft ganz in Domina-Manier, mit Schlagstock und Punkfrisur macht sie bereits bei ihrem ersten Auftritt klar, wer im Gefängnis das Sagen hat und dass an ihrem Wohlwollen kein Weg vorbei führt („Bist du gut zu Mama“). Jedoch arbeitet Carin Filipčić auch die zweifelnde und manchmal gar nicht so überlegene Seite der Gefängnisaufseherin überzeugend heraus und so wird „Stil“ im Duett mit Marcella Adema zu einer bitteren Anklage der verfallenden Moral.

Im Vergleich zu diesen starken Frauenrollen stehen die männlichen Hauptfiguren ein wenig zurück. So zeigt Dániel Rákász in der Rolle des schmierigen Anwalts zwar jede Menge nackte Haut und einen gut durchtrainierten Körper und überzeugt als gelernter Tänzer auch in den Choreografien, doch kann er mit der stimmlichen Präsenz und auch mit der schauspielerischen Ausdruckskraft seiner weiblichen Kolleginnen schwer mithalten. Zwar nimmt man ihm bei seinem ersten Auftrittssong „Ich bin nur für die Liebe da“ die Selbstverliebtheit seiner Figur durchaus ab, damit ihm aber wirklich alle Frauenherzen zufliegen, braucht es noch ein wenig mehr Strahlkraft, die sich vielleicht nach ein paar gespielten Vorstellungen und damit zunehmender Sicherheit einstellen wird.

Zu einem Liebling des Publikums macht sich, trotz einer vergleichsweise kleinen Rolle, Enrico de Pieri als Amos Hart. Er nutzt seine wenigen Auftritte und vor allem seinen (einzigen) Song „Mr. Zellophan“, um sich in die Herzen der Zuschauer zu singen und zu spielen. Er kämpft den ungleichen Kampf des ewigen Verlierers gegen den übermächtigen Billy Flynn mit so viel Herz, dass er am Ende irgendwie doch als Sieger daraus hervor geht.

Einen ganz besonderen und dramaturgisch besonders witzigen ersten Auftritt hat Gerben Grimmius als Star-Reporterin Mary Sunshine. Ganz im Stile der Disney-Namensvetterin Mary Poppins schwebt Sunshine alias Grimmius ganz langsam während des Songs „Etwas Gutes ist an jedem dran“ von der letzten Reihe der Zuschauertribüne langsam auf die Bühne – mit knalligem Rüschen-Outfit und Schirm. Grimmius spielt die Sunshine herrlich schrullig, immer ein bisschen zu sehr überdreht und als schonunglose Gossip-Kommentatorin der Geschehnisse.

Komplettiert wird die Haupt-Cast von Chris M. Nachtigall als Conferencier, Christian Funk als Roxies Liebhaber Fred Casely, Emma Hunter als Kitty, Nico Wendt als Rechtsanwalt Aaron und Michael Konings als Staatsanwalt Madison. Dazu kommen noch weitere Gäste und Ensemblemitglieder des Theaters (aus Ballett und Chor) in kleinen Solorollen.

Natürlich lebt die Inszenierung auch von den großen Ensemblenummern und so werden dank der mitreißenden Choreografien von Jonathan Huor Nummern wie der „Zellblock-Tango“ oder „Hokuspokus“ zu absoluten Höhepunkten des Abends. Neben diesen Höhepunkten sind es viele kleine und größere Regieeinfälle und dramaturgische Kniffe, die diese Produktion zu etwas Besonderem werden lassen. Auch die Projektionen auf den Bildschirmen, vor allem in Form von Zeitungsartikeln oder sogar Live-Mitschnitten, war im Grunde eine sehr schöne Idee, nur leider waren diese Bildschirme versteckt hinter der übermächtigen Justitia fast nicht zu sehen und damit das dort Projizierte nicht bzw. kaum lesbar.

Zum Erfolg trägt natürlich vor allem auch die Musik bei. Die musikalische Leitung liegt wieder einmal in den bereits bewährten Händen von Damian Omansen, der in Magdeburg nahezu schon zum Stamminventar in puncto Musicals gehört. Er und seine Band, bestehend aus Mitgliedern der Magdeburgischen Philharmonie, sind hinter der Justitia-Statue auf der oberen Etage des Bühnenbildes hinter Glas untergebracht und damit für die Zuschauer sichtbar. Temporeich und gut auf die Solisten und das Bühnengeschehen abgestimmt, bringen sie „Chicago“ zum Klingen.

Ein Genuss für das Auge sind die Kostüme von Franz Blumauer. Die Spanne reicht bei den Damen von schlichten fliederfarbenen Jogginganzügen als Gefängniskleidung über weite Hosen im Marlene-Stil bis hin zu knappen Glitzerkleidchen im Stil der Goldenen Zwanziger. Eher schlicht dagegen die Männer, bei ihnen überwiegt – bis auf Billy Flynn – Alltagskleidung, wie sie auch heute durchaus getragen werden könnte. Auch hierin wird deutlich, dass „Chicago“ in erster Linie ein Stück der Frauen ist.

Zu sehen ist es noch bis zum 7. Juli 2019. Karten und weitere Informationen: www.theater-magdeburg.de.

 

Zum Stück:

Roxie Hart wird unter Mordverdacht ins Frauengefängnis von Chicago gebracht: Sie soll ihren Liebhaber erschossen haben. Im Gefängnis trifft sie auf die ebenfalls mordverdächtige Velma Kelly, die sich vom gewieften Anwalt Billy Flynn vertreten lässt. Dessen Erfolgsmasche liegt in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung: Er macht seine Mandantinnen zu Stars. Als Billy Flynn auch Roxies Vertretung übernimmt, beginnen die beiden Frauen um die öffentliche Aufmerksamkeit zu konkurrieren. Und auf die Showbühne treibt es beide auch …

In den 1920er Jahren war Chicago die Stadt des Jazz und der Gangstersyndikate. 1924 schrieb die junge Journalistin Maurine Dallas Watkins über zwei Mordfälle, bei denen Frauen auf der Anklagebank saßen – die eine schön, die andere reich. Später verarbeitete sie beide Fälle in einem satirischen Theaterstück, auf dessen Grundlage 1975 das Musical »Chicago« entstand. Auf kongeniale Weise unterfütterten Songautor Fred Ebb, Co-Autor, Choreograf und Originalregisseur Bob Fosse sowie Komponist John Kander die Kriminalhandlung mit einer Vaudeville-Dramaturgie und jazziger Musik im Geiste der 1920er Jahre. Nachdem das Musical im deutschsprachigen Raum lange Zeit nur in der New Yorker Revival-Inszenierung von 1996 zu sehen war, gehört das Theater Magdeburg nun zu den wenigen Theatern, die eine Neuproduktion herausbringen dürfen.

Kreativteam:

Musikalische Leitung   Damian Omansen
Regie                         Ulrich Wiggers
Bühne                        Leif-Erik Heine
Kostüme                    Franz Blumauer
Choreografie               Jonathan Huor
Dramaturgie               Ulrike Schröder
Choreinstudierung       Martin Wagner

Besetzung

Roxie Hart             Sandy Mölling
Velma Kelly           Marcella Adema
Billy Flynn             Dániel Rákász
Amos Hart             Enrico De Pieri
Mary Sunshine       Gerben Grimmius
Mama Morton         Carin Filipčić
Conferencier          Chris M. Nachtigall
Ensemble        Jasmin Eberl, Marja Hennicke, Emma Hunter, Antanina Maksimovich,
Cristina Salamon Lama, Lara de Toscano; Christian Funk, Michael Konings, Pablo Martinez, Nico Went

Opernchor des Theaters Magdeburg
Ballett Magdeburg
Magdeburgische Philharmonie

Fotos: Andreas Lander

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