Domplatz Open Air 2026: „Oklahoma!“ in Magdeburg

Foto: Andreas Lander

Mit Rodgers & Hammerstein’s „Oklahoma!“ hat das Theater Magdeburg für sein diesjähriges Domplatz Open Air ein Musical auf den Spielplan gesetzt, das in Deutschland eher selten zu sehen ist. Umso gespannter durfte man sein, wie es dem hochkarätig besetzten Produktions- und Darstellenden-Team gelingt, dieses doch sehr alte (Uraufführung 1943) und sehr amerikanische Stück für das deutsche Publikum des Jahres 2026 erlebbar zu machen.

Regisseur Erik Petersen nahm diese Herausforderung an. Als gebürtiger Magdeburger kennt er die Bühne auf dem Domplatz bestens, er hat hier bereits mehrmals inszeniert. Zuletzt im Jahr 2022 die vielbeachtete und sehr erfolgreiche „Rebecca“.

Nun also „Oklahoma!“. Ein Stück, das nur auf den ersten Blick eine locker-leichte Geschichte um Liebesirrungen und -wirrungen mit beschwingten Countrymelodien in malerischer Wild West-Kulisse ist. Vielmehr stecken im Stück jede Menge gesellschaftliche Problematiken und psychologische Triggerpunkte. Da geht es um Ausgrenzung von Menschen, die nicht den selbstgesetzten Normen einer (Dorf-)Gemeinschaft entsprechen, um Mobbing bis hin zur Aufforderung zum Suizid, um sexuelle Übergriffe, um Tötung eines Menschen und um Beugung geltenden Rechts. Und das alles unter dem Deckmantel einer scheinbar heilen Welt.

Foto: Andreas Lander

Und genau darin lag die besondere Herausforderung für das Inszenierungsteam. Sowohl im Jahr 1906, in dem die Geschichte des Musicals angesiedelt ist, als auch in den 1940er Jahren, als es uraufgeführt wurde, war der Umgang mit all diesen Themen noch ein ganz anderer als in unserer heutigen Zeit. Sie wurden kaum bis gar nicht als problematisch wahrgenommen, ganz anders als heute. Und trotzdem sind alle die genannten Problematiken heute noch und zunehmend wieder aktuell.

Dabei beginnt alles recht harmonisch. In dem beeindruckenden Bühnenbild von Dirk Hofacker mit Farmhaus samt typischer Windmühle auf der einen Seite, einem Stallgebäude samt Stroh- und Futterlager auf der anderen und einer riesigen LED-Wand, die wahlweise als Filmleinwand oder als zusätzliche Projektionsfläche für die Handlung auf der Bühne dient.

Foto: Andreas Lander

In dieser Kulisse begrüßt Cowboy Curly McLain mit der Gitarre und dem wohl bekanntesten Song des Stücks „Oh, What a Beautiful Mornin‘“ sowohl das Publikum als auch den neuen Tag im Indian Territory.  In der Rolle des charmanten, gutaussehenden Cowboys überzeugt Nicky Wuchinger. Stimmlich und darstellerisch kraftvoll buhlt er um die Gunst der jungen Farmerin Laurey. Diese ist Curly durchaus zugetan, lässt ihn aber zappeln und suggeriert ihm sogar, dass es da noch einen zweiten Anwärter gibt. Sabrina Weckerlin erweckt den Charakter der Laurey zum Leben; mit gespielt-naiver Mädchenhaftigkeit einerseits, mit nahezu zickiger Kaltherzigkeit andererseits, aber immer mit einer beeindruckenden tonalen Variabilität, die zeigt, warum sie eine der Besten ihres Faches im deutschsprachigen Raum ist. Eigentlich weiß niemand so wirklich, woran man bei Laurey ist. Sie selbst auch nicht. Diese innere Zerrissenheit manifestiert sich zentral in der rund 10-minütigen Traumsequenz am Ende des ersten Aktes.  Diese beginnt mit dem Lied „Aus meinen Träumen in deine Arme“, in dessen Folge ein Tanzpaar als Double von Laurey und Curly erscheint. Die Botschaft ist klar: Laurey will Curly. Doch dann schleicht sich plötzlich etwas Düsteres, Angsteinflößendes in den Traum. Gleichsam eine Vorausschau darauf, dass auch im weiteren Handlungsverlauf noch etwas Furchtbares geschehen wird.

Foto: Andreas Lander

Und dieses Düstere erscheint in Gestalt von Jud, dem Lohnarbeiter der Farm. Er ist der Außenseiter, der Fremde, der nicht integriert ist ins Dorfleben, kaum spricht und sich am liebsten abseits hält. Doch nicht nur, dass er sich selbst separiert, auch das Dorf unternimmt keinerlei Anstrengungen, ihn in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Im Gegenteil: Er wird ausgelacht, ausgestoßen und gemobbt. Der sonst so sympathisch erscheinende Curly legt ihm sogar subtil nahe, sich das Leben zu nehmen, indem er ihm suggeriert, dass Jud im Tod gut gekleidet und zum ersten Mal mit sauberen Fingernägeln und damit interessant für die Frauen wäre. Tod als erstrebenswerter Zustand, eine mental bedrückende, musikalisch von Nicky Wuchinger und Alexander Auler als Jud herausragende Szene.

Insgesamt besticht Alexander Auler als Antagonist im Stück, trotz weniger musikalischer Beiträge, mit einer sehr starken Bühnenpräsenz. Da genügt ein humpelnder Gang über die Bühne oder einfach ein finsterer, leicht irrer Blick, wenn er das Geschehen auf der Bühne beobachtet, um einem eine Gänsehaut über den Rücken rieseln zu lassen. Seine Interpretation seines Solo-Songs „Leeres Haus“ ist einer der Höhepunkte des Stückes.

Foto: Andreas Lander

Kerstin Ibald brilliert in der Rolle der Tante Eller Murphy. Sie ist die Patronin, die pfeiferauchend vom erhöhten Balkon aus das Geschehen auf der Farm beobachtet, die allen sagt, wo es lang geht, die Streit schlichtet, aber auch die, die am Ende ihre Nichte Laurey aus den brutalen Fängen von Jud befreit, wenn es kein anderer tut. Sie hält sowohl die Dorfgemeinschaft als auch die Inszenierung zusammen.

Als Quasi-Kontrapunkt zu der doch alles in allem eher deprimierenden Geschichte um Laurey, Curly und Jud fungiert als zweiter Handlungsstrang das Love Triangle zwischen der liebestollen Ado Annie, dem listigen und etwas tollpatschigen fliegenden Händler Ali Hakim und dem selbstbewussten und welterfahrenen Cowboy Will Parker. Diese drei, gespielt von Kara Kemeny, Jan Ungar und Andrew Chadwick, bringen vor allem den Humor und damit die Leichtigkeit ins Stück.

Komplettiert wird die Solo-Darsteller-Riege durch Sascha Laue als Ado Annies Bruder Andrew Carnes, Jeanett Neumeister als nervtötend hysterisch kichernde Gertie Cummings, Belén Edelmann als Ike, Dominik Wojtasik als Fred, Rhys George als Cord, Felix Klärner als Bob, Pawel Stanislawow als Fred Miller und Ulrike Baumbach als Fiddler.

Foto: Andreas Lander

Und dann sind da noch die Damen und Herren des Opernchores und des Balletts. Wie aus den Inszenierungen von Erik Petersen gewohnt, werden sie auch dieses Mal wieder perfekt in Szene gesetzt und tragen das Stück zu einem nicht unerheblichen Teil. Und so sind folgerichtig die großen Tanznummern wie bei „Kansas City“ oder zum Picknickkorbfest ganz besondere Highlights. Verantwortlich für die Choreografien ist Sabine Arthold. Ihr gelingt es, sowohl diese großen Nummern als auch die kleineren perfekt in die Gesamtstimmung der Inszenierung einzupassen.

Insgesamt um die 300 Kostüme sind an diesem Abend auf der Bühne zu sehen. Ihre Gestaltung lag in den Händen von Lukas Pirmin Waßmann. Von unscheinbar Grau (Jud) bis hin zu farbenfroh auffallend (Ado Annie) ist jedes Kostüm perfekt auf die jeweilige Rolle abgestimmt. Die Kostüme komplettieren zusammen mit der aufwändigen Bühnengestaltung die Bildgewalt der Produktion.

Foto: Andreas Lander

Fazit: Auch in diesem Jahr bietet das Domplatz Open Air wieder eine Produktion mit aufwändiger Ausstattung, großem Live-Orchester und hochkarätigem Cast. Regisseur Erik Petersen, sein Produktionsteam und ausnahmslos alle Darstellenden haben ihr Bestes getan, den Klassiker, der in den USA seit Jahrzehnten nahezu ein nationales Erbe ist, ins Hier und Jetzt zu transportieren.

Doch das gelingt, trotz aller Bemühungen und vieler guter dramaturgischer Einfälle, nicht vollständig. Das zeigt auch der – im Vergleich zu früheren Open Airs – doch recht verhaltene Schlussapplaus und so manches ratlose Zuschauergesicht nach der Vorstellung. Bleibt am Ende also die Frage, was das Theater Magdeburg dazu bewogen hat, ausgerechnet dieses Stück, das in jeglicher Hinsicht weit von unserer Lebenswirklichkeit entfernt und darüber hinaus mit zahlreichen Triggerthemen behaftet ist und welches die Zuschauer eher bedrückt als beschwingt in die laue Sommernacht entlässt, auf den Spielplan für das Sommer Open Air zu setzen.

Und schon jetzt darf man gespannt sein, wie das musicalverwöhnte Magdeburger Publikum im nächsten Jahr das noch unbekanntere, wenn auch deutlich aktuellere „Wie im Himmel“ aufnehmen wird.

 

 

Teilen via: