Das Licht auf der Piazza

Florentiner Sehnsucht und die Sprache des Herzens:

„Das Licht auf der Piazza“

im MiR (Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen)
besuchte Vorstellung: 17.01.2026

 

(c) Pedro Malinowski

 

Wenn sich der Vorhang im Musiktheater im Revier für Adam Guettels (Musik und Songtexte) „Das Licht auf der Piazza“ hebt, öffnet sich nicht nur eine Bühne, sondern ein Fenster in das Florenz der 1950er Jahre – ein Ort voller Licht, Romantik und verborgener Schatten. Das Stück (Buch Craig Lucas, nach der gleichnamigen Erzählung von Elizabeth Spencer), das 2003 in Seattle uraufgeführt wurde und 2005 am Broadway im Vivian Beaumont Theatre seinen Siegeszug inklusive zahlreicher Tony-Awards antrat, findet in Gelsenkirchen eine Heimat, die dem anspruchsvollen Material mehr als gerecht wird. Guettels Partitur, die mit ihrer opernhaften Orchestrierung und den komplexen Liedtexten weit über das konventionelle Musical-Song-Format hinausgeht, verlangt nach einem Haus, das musikalische Präzision mit emotionaler Tiefe vereinen kann.

(c) Pedro Malinowski

Die Geschichte führt das Publikum in den Sommer 1953. Margaret Johnson, eine wohlhabende Amerikanerin, bereist mit ihrer Tochter Clara die Toskana. Als eine Windböe Claras Hut direkt in die Hände des jungen Italieners Fabrizio Naccarelli weht, beginnt eine leidenschaftliche Liebesgeschichte. Doch über dem jungen Glück schwebt Margaret als mahnende Instanz, die ein wohlgehütetes Geheimnis bewahrt: Ein tragischer Unfall in Claras Kindheit hat deren geistige Entwicklung gestoppt. Was folgt, ist ein hochsensibles Psychogramm über Mutterliebe, das Loslassen und die Frage, was ein „erfülltes Leben“ eigentlich ausmacht.

(c) Pedro Malinowski

Das MiR beweist bei dieser Produktion ein glückliches Händchen für die Besetzung. Der Cast ist durchweg hervorragend gewählt, wobei die Mischung aus theatereigenen Kräften (hier besonders hervorzuheben Anke Sieloff als fürsorgende, liebende Mutter Margaret Johnson und Katherine Allen, die meisterhaft die geistig ein wenig minderbemittelte Tochter Clara beschreibt) und erstklassigen Gästen wie Luc Steegers (temperamentvoll und liebenswürdig brilliert er in der Rolle des Fabrizio Naccarelli) sowie Patrick Imhof (der ebenso gekonnt in die verantwortungsvollen und stabilitätsorientierten Schuhe des Signor Naccarelli schlüpft) für eine besondere Dynamik sorgt. Alle Darstellenden präsentieren sich nicht nur stimmgewaltig, sondern vor allem spielfreudig. Man spürt in jeder Szene die Lust an der Verkörperung dieser vielschichtigen Charaktere, die zwischen amerikanischer Zurückhaltung und italienischem Temperament schwanken. Besonders beeindruckend ist, wie das Ensemble die opernhafte Schwere der Musik mit einer Leichtigkeit im Spiel ausbalanciert.

(c) Pedro Malinowski

Ein genialer Regieeinfall der Inszenierung ist der Umgang mit der Sprache. Weite Teile der italienischen Dialoge wurden bewusst ohne Übersetzung belassen, jedoch werden die italienischen Lied- und Sprech-Texte oberhalb der Bühne zum Mitlesen visualisiert. Was auf den ersten Blick wie ein Hindernis wirken könnte, entpuppt sich als immersives Erlebnis: Das Publikum teilt unmittelbar die Sprachbarriere und die daraus resultierende Orientierungslosigkeit der amerikanischen Damen. Man fühlt sich als Zuschauer genauso „verloren“ wie Margaret und Clara in der fremden Kultur, was dazu führt, dass man sich umso stärker auf die Emotionen, die Mimik und die Musik verlassen muss. Es ist eine Einladung, tiefer in das Geschehen einzutauchen und die universelle Sprache des Herzens über das gesprochene Wort zu stellen.

 

 

Optisch setzt die Produktion auf eine effektive Ästhetik statt auf überladenen Pomp. Die Kostüme sind zeitgenössisch und fangen das Flair der 50er Jahre perfekt ein. Das Bühnenbild selbst verzichtet auf große Umbaumaßnahmen und arbeitet stattdessen mit einem symbolträchtigen Motiv. Die von oberhalb der Bühne herabgelassenen, unterschiedlichen Bilderrahmen umrahmen die jeweiligen Schauplätze und fungieren als Fokus für das Geschehen. Sie unterstreichen den Charakter der Geschichte als eine Abfolge von Momentaufnahmen, Erinnerungen und Sehnsuchtsorten. Ein kluger Einsatz minimaler Mittel mit maximaler Wirkung.

(c) Pedro Malinowski

 

Getragen wird der Abend, wie für das Musiktheater im Revier üblich, von einer exzellenten Live-Musik. Die Orchestrierung von Adam Guettel entfaltet im Graben ihre volle Pracht und lässt das Publikum in einen Klangteppich eintauchen, der mal schwelgerisch, mal dissonant die innere Zerrissenheit der Figuren widerspiegelt. „Das Licht auf der Piazza“ in Gelsenkirchen ist somit weit mehr als ein Musical. Es ist eine anspruchsvolle, tief berührende Reise nach Italien, die lange nachklingt und zeigt, dass wahre Liebe keine Übersetzung braucht. Eine Produktion, die in ihrer Gesamtheit überzeugt und das MiR einmal mehr als erste Adresse für hochwertiges Musiktheater bestätigt.

 

„Das Licht auf der Piazza“ ist an nur noch drei Spieltagen Mitte Februar zu sehen. Die wenigen Restkarten sind über die Website des Theaters zu erhalten.

 

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Weiterführende Links:

MiR – Musiktheater-im-Revier
Luc Steegers

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