„Meisterklasse“ – ein Abend über Maria Callas in Magdeburg

„Keinen Applaus! Wir sind hier nicht im Theater. Das ist ein Unterrichtsraum. Hier wird gearbeitet.“

© www.AndreasLander.de

Damit sind die Fronten geklärt, noch ehe die Callas (Iris Albrecht) richtig auf der Bühne – die ja eigentlich keine ist, denn wir sind ja nicht im Theater – angekommen ist. Hart wirkt sie, vom Leben, seinen vielen Kämpfen und Enttäuschungen und von viel harter Arbeit mit Entsagungen, Rückschlägen und wieder Kämpfen gezeichnet. Und ohne viel Umschweife mustert sie die Menschen, die sich auf den wenigen Stuhlreihen im Foyer des Magdeburger Schauspielhauses versammelt haben – intensiv, prüfend und ein kleines bisschen abfällig – und macht sehr deutlich, was man von dieser „Meisterklasse“ zu der sie sich gnädig hat überreden lassen, zu erwarten hat. Oder eben auch nicht. „Sie erwarten hoffentlich nicht, dass ich singe!“, stellt sie klar, um gleich drauf beim Blick in die Runde festzustellen, dass niemand der hier Anwesenden das „gewisse Etwas“ habe, welches sie immer ausgezeichnet hat. „Also schaffen Sie sich eins an!“, bellt sie ins Publikum, versichert aber „Ich beiße nicht, ich belle.“

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Und so rutscht man unwillkürlich schon in den ersten Minuten der „Meisterklasse“ etwas unbehaglich auf dem Stuhl hin und her, fühlt sich weniger als bloßer Zuschauer, mehr wie ein Schüler, der schlecht vorbereitet zu einer Prüfung mit einem ungeliebten Lehrer geht. Und genau wie in dieser Schulsituation ist man froh, als es jemand anderen trifft, der da zur Diva und ihrem Pianisten (Jovan Mitic) an den Flügel zitiert wird. Insgesamt drei junge Künstler (Hyejin Lee als Sophia de Palma, Marijana Mladenov als Sharon Graham, Anders Kampmann als Anthony Candolino) sind es im Laufe des Abends, die sich dem gnadenlosen Urteil der weltberühmten Opern-Diva stellen, welche sie nicht „Schüler“, sondern „Opfer“ nennt. Und genau das werden sie auch: Opfer der Callas’schen Unbarmherzigkeit, aber auch ihrer Erinnerungen. Erinnerungen an unglückselige Beziehungen wie der Affäre zu Milliardär und Lebemann Aristoteles Onassis, Erinnerungen an ihre entbehrungsreiche Kindheit und Jugend, in der sie statt für Orangen ihr weniges Geld lieber für Bleistifte zum Studieren ausgab, Erinnerungen an Missgunst, Neid, aber auch ihre großen Erfolge auf den bedeutendsten Bühnen dieser Welt.

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All diese Emotionen projiziert Maria Callas auf ihre Schüler. Und das mit einer emotionalen Brutalität, die die drei Schüler nahezu zusammenbrechen („Ich war auf der Damentoilette und habe mich übergeben.“) und die anderen Zeugen dieses Unterrichts, die Zuschauer, den Atem anhalten lässt. Noch bevor die jungen Künstler den ersten Ton singen können, werden sie von der Meisterin unterbrochen. Es ist ein ständiges Wechselbad der Gefühle, in dem die Beteiligten auf und auch die vor der Bühne an diesem Abend baden. Und genau das ist das Ziel – sowohl der Callas gegenüber ihren Schülern als auch des Stückes gegenüber seinem Publikum. „Fühlen, sein, darum geht es.“ Und „Es geht immer um die Musik.“ Ganz besonders schlägt diese emotionale Wucht der Musik immer am Ende des jeweiligen Unterrichtsabschnittes zu, wenn das aktuelle „Opfer“ dann seine Arie noch einmal komplett ohne Unterbrechung singen darf. Dann verschmelzen Realität und Erinnerung. Das Licht wird gedimmt, auf dem Vorhang, der ähnlich einem Paravent eine Art Rückzugsort für die Callas bieten soll, erscheinen Projektionen der Mailänder Scala oder der „echten“ Maria Callas und plötzlich singt nicht mehr die Schülerin, sondern sie bewegt nur noch die Lippen, während die Originalaufnahme vom Band erklingt und die Callas auf der Bühne dem Publikum die Erinnerungen preisgibt, die sie mit dieser Arie verbindet. Lediglich der Tenor (Anders Kampmann) darf seine Arie aus Puccinis „Tosca“ selbst bis zum Ende singen – und schafft es mit seiner Interpretation, die Callas für einen Augenblick ihre Beherrschtheit verlieren zu lassen.

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Er und seine beiden Sopran-Kolleginnen sind in Terence McNallys Stück quasi die Vehikel, welche die Geschichte um die wohl größte Operndiva der Welt transportieren. Und das ist keineswegs despektierlich gemeint, denn alle drei liefern sowohl gesanglich als auch darstellerisch eine beeindruckende Vorstellung ab. Doch letztendlich sind alle Augen auf Maria Callas gerichtet, ganz so, wie es in ihrer Karriere immer war. Iris Albrecht verkörpert diese Rolle ganz so, wie es auch der Name des Stückes – natürlich in anderer Bedeutung – impliziert, nämlich mit einer wahren „Meisterklasse“. Sie erweckt die Diva zum Leben, in allen Facetten der menschlichen Gefühlswelt und mit einer ungeheuren Wirkung auf die Zuschauer.

Inszeniert wird dieses emotionale Kammerspiel von Ulrich Wiggers, der sonst eher für seine großen und üppigen Musicalinszenierungen bekannt ist. Mit „Meisterklasse“ hat er sich, so sagt er selbst, einen Wunsch erfüllt. Und er beweist einmal mehr, dass er ein Meister der Figurenführung ist. In einem kleinen, intimen Theaterraum, mit minimaler Ausstattung und Bühnenbild (Leif-Erik Heine) und nur fünf Darstellern hat er eine Inszenierung geschaffen, die auch nach Verlassen des Theaters noch lange nachhallt.

 

Meisterklasse

Von Terrence McNally

Deutsch von Michael Eberth
Musikalische Leitung           Justus Tennie/Jovan Mitic

Inszenierung                      Ulrich Wiggers

Bühne/Kostüme                  Leif-Erik Heine

Dramaturgie                       Laura Busch

Maria Callas                       Iris Albrecht

Sopran 1 (Sonnambula)      Hyejin Lee

Sopran 2 (Lady Macbeth)    Marijana Mladenov

Tenor (Tosca)                     Anders Kampmann
 

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