Der Kleine Horrorladen am Musiktheater im Revier

Mörderischer Musical-Spaß im MiR Gelsenkirchen:

„Der kleine Horrorladen“
begeistert im Kleinen Haus

 

(c) Pedro Malinowski

Ein mörderisch guter Musical-Spaß erobert derzeit erneut das Kleine Haus des Musiktheaters im Revier. Wer das Kult-Stück um die fleischfressende Pflanze Audrey II in „Der kleine Horrorladen“ noch sehen möchte, muss sich allerdings beeilen: Die Wiederaufnahme war nahezu ausverkauft und auch für die letzten Termine gibt es nur noch wenige Restkarten. Völlig zurecht, denn was hier geboten wird, ist Musical-Unterhaltung auf Top-Niveau. Bevor Audrey II die Theaterbühnen der Welt eroberte, erblickte sie 1960 in einem Low-Budget-Film von Roger Corman das Licht der Welt. Das Musical selbst feierte 1982 Off-Broadway seine Premiere aus der Feder von Alan Menken und Howard Ashman und wurde schnell zum globalen Phänomen. Die Story ist so skurril wie genial: Der schüchterne Floristen-Angestellte Seymour arbeitet im maroden Blumenladen von Mr. Mushnik in der New Yorker Skid Row. Er ist heimlich in seine Kollegin Audrey verliebt. Als er eine mysteriöse, neuartige Pflanze entdeckt, wendet sich das Blatt: Der Laden boomt, Seymour wird berühmt. Das Problem ist nur, dass sich das blutrünstige Gewächs – von ihm liebevoll „Audrey II“ genannt – nicht von Wasser, sondern von frischem Menschenblut ernährt, und ihr Hunger wächst unaufhaltsam.

(c) Pedro Malinowski

Regisseur Carsten Kirchmeier lehnt seine Inszenierung ganz bewusst an den ursprünglichen Film an und bringt mit einer großen Portion Horrorfilmparodie eine herrlich schräge B-Movie-Ästhetik auf die Bühne, die von Beata Kornatowska entworfen wurde. Das Herzstück des Bühnenbilds ist eine riesige, alte Filmrolle, deren mittlere Teile zur Seite geschoben geöffnet werden können, während die Seitenteile wie eine Drehtür fungieren – ein cleverer Kniff, der auch Raum für atmosphärische Schattenspiele bietet. Das gekonnte Lichtdesign setzt das Geschehen auf der sehr breiten, aber weniger tiefen Bühne des Kleinen Hauses, das mit seinen rund 336 Plätzen in langen, halbrunden Reihen eine wunderbar intime Atmosphäre schafft, perfekt in Szene. Das absolute Highlight ist jedoch Audrey II selbst. Gebaut von Sarah Schulze, wächst das Pflänzchen in vier verschiedenen Größen heran und wird durch ein perfekt koordiniertes Trio zum Leben erweckt: Dennis LeGree verleiht ihr eine phänomenale Stimme, während Julius Warmuth und Maximilian Teschemacher als Puppenspieler dafür sorgen, dass jede Bewegung auf den Punkt sitzt.

(c) Pedro Malinowski

Die Rollen sind wunderbar überzeichnet und klischeehaft angelegt, was den humorvollen Charakter der Inszenierung perfekt unterstreicht. Nikko Forteza begeistert als großartig naiver Seymour und brilliert an der Seite von Tamara Köhn, die als Audrey und Mrs. Luce auf der Bühne steht. Beide sind schauspielerisch und gesangstechnisch unglaublich stark. Ihr harmonisches Zusammenspiel beim Signature-Song „Jetzt hast du Seymour“ (Suddenly Seymour) sorgt für echte Gänsehaut und ist einer der absoluten Höhepunkte des Abends. Klaus Brantzen glänzt ebenfalls parodistisch perfekt in der Rolle des von Geldsorgen geplagten Ladeninhabers Mr. Mushnik sowie als Mr. Bernstein. Die größten Lacher des Abends verzeichnet jedoch Daniel Jeroma, der den Bösewicht des Stücks, getarnt unter einer Elvis-Tolle, mimt. Als sadistischer Zahnarzt Orin Scrivello – sowie in weiteren Rollen als Penner, Kunde, Interviewer, Agent und Mr. Martin – intoniert er den Showstopper „Zahnarzt“ (Dentist) extrem originell und komisch. Perfekt in die Inszenierung integriert agieren zudem die drei Soul Girls (Sonja Hebestadt, Julia Heiser und Elena Otten), die gleichzeitig als Schicksalsgöttinnen fungieren. Mal treten sie als heimliche Lenkerinnen des Geschehens auf, mal verschmelzen ihre Kostüme visuell mit dem Filmstreifen und mal bringen sie in Lederjacken als Straßengören von Skid Row den Hit „Downtown“ mit absoluter Ohrwurmgarantie auf die Bühne.

(c) Pedro Malinowski

Musikalisch wird die Show von einer hervorragenden 5-köpfigen Showband live begleitet. Einziges kleines Manko zu Beginn: Der Ton haperte anfangs etwas, wodurch die Stimme von Audrey kurzzeitig ohne Mikrofonunterstützung ein wenig verloren ging. Das tat dem Gesamteindruck jedoch keinen Abbruch – das MiR liefert hier genau die großartige Qualität ab, die man von diesem Haus gewohnt ist und erwartet. Trotz einiger unheimlicher Szenarien ist diese temporeiche Parodie ein Riesenspaß, der durch den humorvollen Ton durchaus auch für (größere) Kinder bestens geeignet ist. Ein schaurig-schöner Theaterabend, den man nicht verpassen sollte – sofern man noch eines der begehrten Tickets ergattern kann.

 

Weiterleitende Links:

MiR – Musiktheater im Revier

#amonea #amoneamusicalworld #musical #derkleinehorrorladen #mirgelsenkirchen #musiktheaterimrevier #nikkofortezza #tamaraköhn #klausbrantzen #danieljeroma #sonjahebestadt #juliaheiser #elenaotten #dennislegree #maximilianteschemacher #juliuswarmuth #carstenkirchmeier

Teilen via: